Mittwoch, 27. April 2011

Die Ölbergwache


Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Gethsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. … Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! (Mt 26, 36)

Nach der Feier zum letzten Abendmahl und der Agape – bei der jemand unter Beachtung eines alten Brauches sehr aufmerksam unter anderem grüne[1] Dips und grüne Weintrauben hingestellt hatte – in der einen Kirche mußte ich umständehalber erst einmal in eine andere, um dort mitzuhelfen, die Kirche für den Karfreitag vorzubereiten (Simona von Cyrene hilft der Küsterin das Kreuz tragen…)

Als ich danach beim Herrn am Ölberg wachen wollte, begegnete mir eine „Schwierigkeit“, die, wie mir im nachhinein bewußt geworden ist, eine für Gründonnerstag leider irgendwie kennzeichnende ist. Eigentlich ist es so einfach: Ich würde gern still beim Herrn wachen, gerade an diesem Tag, und auch bitte wenigstens die sprichwörtliche Stunde. Beides zusammen scheint aber eben irgendwie …schwierig (ich weiß schon, irgendwas ist immer).

In Klosterkirchen das Normale, scheint eine stille Ölbergwache in Gemeindekirchen eigentlich überhaupt nicht mehr möglich zu sein. Stattdessen wechseln sich bei dieser sogenannten „gestalteten Andacht“ (oder wie auch immer) wohlmeinende Menschen bei der Gestaltung ab. Was ist das nur für ein Faszinosum? Halten die Gläubigen tatsächlich keine Stille mehr aus oder gehen die Gestalter solcher Andachten davon aus, es sei so, und texten die Anwesenden einfach vorsorglich gnadenlos zu? Übrigens kann das mit einer gewissen Berechtigung auch andersherum fragen: jene, die sich im heiligen Schweigen am Karfreitag unbedingt im halblauten Ton auf der Kirchbank länglich austauschen müssen. Was außer dem Ruf „Es brennt!“ kann denn so wichtig sein, daß man es gerade jetzt vorbringen müßte?

In einer Ölbergandacht, in der wirklich keine halbe Minute Ruhe war, gipfelte es nun in einer weiteren „Betrachtung“ – eine in einer Reihe von ölfdrölfzig – die anfing mit den Worten: „Herr Jesus, wir machen oft zu viele Worte…“ An diesem Punkt habe ich mir ein halblautes „Genau!“ verkniffen und, um Schonung meines Blutdrucks und meiner Beichtgnade zu dieser heiligen Stunde bemüht, einen anderen Ort aufgesucht. Gottseidank gab es einen.

An sich finde ich die Vorstellung, daß Wünsche an die Liturgie dieses Tages wie
  • heilige Kommunion unter beiderlei Gestalt
  • feierliche Liturgie vom letzten Abendmahl
  • nächtliche Anbetung, bitte wenigstens zeitweise still (einfache Gesänge stören mich nicht im mindesten)
einen Fahrplan erfordern, der dem in der langen Nacht der Wissenschaften gleicht, halt etwas befremdlich – obwohl man in einer Großstadt damit immerhin noch glücklich zu preisen ist. Die Alternative scheint zu sein, seine Erwartungen dauerhaft herunterzuschrauben. Ich kann mich an eine stille Anbetung im Laufe des späteren Abends in der erleuchteten Krypta der Kathedrale erinnern. Außer mir knieten noch der Weihbischof em. und ein anderer Beter – sonst war wunderbare, tiefe Stille. Das war reine Gnade.


Um zeitlich zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Unsere leere Kirche mit weit offenstehendem Tabernakel, ohne das Allerheiligste, ohne Kreuz, mit nacktem Altarstein und völlig im Finstern liegend, da auch Altar und Tabernakel im Dunkeln liegen und das ewige Licht nicht mehr brennt, ist ein Ort, der dem Garten Gethsemane, wie er gewesen sein muß, nachdem Jesus verhaftet wurde, irgendwie sehr ähnlich schien. Ich habe mich dort noch etwas in der Stille hingesetzt und etwas von der Stimmung der Jünger am Gründonnerstag in mich aufgenommen. So ähnlich müssen sie sich gefühlt haben – fort ging von mir, der mein Tröster war.

____
[1] Dieses Jahr habe ich es tatsächlich einmal geschafft, Gründonnerstag vorwiegend Grünes zu essen, dabei hatte ich vorher nicht einmal daran gedacht. Das traditionelle Donnerstagsgericht – nicht nur Gründonnerstag, sondern eigentlich jeden – meiner Mutter war übrigens Spinat mit Spiegelei. Dazu muß man sagen, daß dieser Spinat dem, was bei uns die Kuh auf der Weide hinterläßt, ausgesprochen ähnlich sah. In der Mitte saß dann das Spiegelei – mit Glibber – und glotzte einen an. Das hat mir die Lust auf Grünes und insbesondere Spinat erst einmal auf Jahre hinaus verleidet. Bei mir gab es heuer jedenfalls Nudeln mit Basilikumpesto und Ruccolasalat.

Bild: Gethsemane (Carl Heinrich Bloch), 1865-1879, Foto: der Garten Gethsemane heute (mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Dietmar Hiller)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei uns gab es Zeiten der Stille, abgewechselt mit verschiedener Musik und den Betrachtungen der Sensibilität Jesu ..., und nach der 50. Wiederholung von Bleibet hier ... kann dieses Lied auch beginnen anzustrengen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Äh, du siehst mich verwundert: Betrachtungen „der Sensibilität Jesu“?

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