Montag, 18. April 2011

Der Traum der Frau des Pilatus

In dieser Darstellung aus einem Manuskript
des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian
 Library in Oxford befindet, wird der gefesselte
Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter
Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen,
die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine
Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum
zu erzählen und ihn zu warnen.
Gestern in der Passion:
Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Laß die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum. (Mt 27,19)
Man kann sich vorstellen, wie sehr der Frau des Pilatus diese Botschaft am Herzen gelegen haben und wie dringend sie sie gemacht haben muß, wenn sie ihm mitten in der Gerichtsverhandlung des Statthalters gegen einen Gefangenen, den er zum Tode verurteilen sollte – den gefesselten Jesus von Nazareth – ausgerichtet wurde. (Als Kind fand ich übrigens den lutherischen Ausdruck „Landpfleger“, der uns ja auch in der Geschichte von der Geburt Christi begegnet, sehr schön – der pflegt das Land. Erst später stellte sich mit dem „Statthalter“ ein gewisser Aha-Effekt ein.)

Die apokryphe Überlieferung gibt der im Evangelium namenlos gebliebenen Frau den Namen Claudia Procula, in einigen Überlieferungen ist sie die Tochter des Kaisers Tiberius. Sehr früh kam die Überzeugung auf, sie sei später Christin geworden; Origines predigte bereits im 2. Jahrhundert darüber. In der griechisch-orthodoxen Kirche hat sie sogar einen eigenen Gedenktag, den 27. Oktober.

Theologische Schulen waren unterschiedlicher Ansicht darüber, von wem der Traum gesandt worden sei – von Gott, um Claudia zu bekehren, oder aber vom Satan, um das Erlösungsgeschehen im letzten Moment noch zu verhindern. Spannender finde ich aber die Frage: was hat die Frau des Pilatus geträumt?

Selma Lagerlöf hat in ihren Christuslegenden über das Schweißtuch der Veronika und eben diesen Traum der Frau des Pilatus geschrieben. Dieser Traum ist wirklich erschreckend und wegen seiner Länge veröffentliche ich die Geschichte hier in den nächsten Tagen schrittweise:

Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und träumte.

Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.


Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich, mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und Schmerzen krümmten.


Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des Palastes.


Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.


Da antworteten sie ihm und sprachen: »Wir suchen den großen Propheten, den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er, der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden erlösen kann?«


Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgültigem Tone, so wie Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.


»Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat ihn getötet.«


Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.

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