Samstag, 2. April 2011

4. Fastensonntag (Laetare) – Blinde sehen wieder

Darstellung aus dem Egberti-Codex, um 980
Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke. Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. (Eph 1, 17-21)

Läßt man sich genauer auf die homogen erscheinende Fastenzeit ein, fällt auf, daß sie eben nicht homogen ist. Zum einen gibt es für jeden einzelnen Tag der Fastenzeit eigene liturgische Texte, so daß wir in der Liturgie eigentlich eine Art Adventskalender vor uns haben, in dem sich hinter jedem Türchen ein kleines Bild oder ein Gedanke verbirgt. Zum anderen gliedert sich die Fastenzeit in mehrere Zeitabschnitte: von Aschermittwoch bis zum dritten Fastensonntag geht es um die Gesinnung der Buße, in der Passionszeit wenden wir unseren Blick verstärkt auf das Leiden des Herrn, in dessen unmittelbares Gedächtnis wir in der Karwoche eintreten, in der das Evangelium eines jeden Tages von den Ereignissen der Leidensgeschichte des Herrn handelt. Genau an der Schwelle zwischen diesen beiden Zeiten steht der vierte Sonntag der Fastenzeit, Laetare, dessen freudiger Charakter und die Verwendung der rosa Paramente zugleich einen kurzen Blick auf Ostern gestatten. Daß das Evangelium dieses Sonntags von der Heilung des Blindgeborenen handelt, erscheint daher wunderbar passend. In diesem Evangelium tut Jesus ein Wunder:
In jener Zeit sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. (Joh 9, 1-7)
Es fällt auf, daß Jesus selbst auf die Zeichenhaftigkeit seines Wunders verweist: das Wirken Gottes soll an ihm offenbart werden. Der Geheilte weiß zu berichten: Noch nie hat man gehört, daß jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Später läßt Jesus Johannes dem Täufer, der im Kerker seine Hinrichtung erwartet, auf dessen verzweifelte Frage, Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?, ausrichten: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Daß all dies geschieht, ist die Erfüllung der uralten messianischen Prophezeiungen:

An jenem Tag hören alle, die taub sind, sogar Worte, die nur geschrieben sind, und die Augen der Blinden sehen selbst im Dunkeln und Finstern (Jes 29,18)
und
Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien (Jes. 42,6)
Die Augen, die geöffnet, die sehend werden sollen, sind auch unsere. Berührt mich das Leid des anderen? Oder sehe ich lieber weg oder gehe vielleicht davon aus, daß derjenige, der leidet, schon irgendwie damit zu tun haben wird? Sehe ich Christus im Leidenden? (Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen, oder krank und im Gefängnis?) – Die Nacht, von der der Herr spricht, in der niemand mehr etwas tun kann, ist der Tod. Jetzt ist die Zeit, solange es noch heißt, heute.

In seinem Brief an die Epheser schreibt der Apostel: Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt – dieses Licht, auf das wir am Sonntag Laetare blicken, kommt von Ostern her.

Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder
, heißt es vom Blindgeborenen im Evangelium, nachdem sich Jesus ihm offenbart hatte. So antwortet jeder von uns in der Osternacht in der Erneuerung des Taufbekenntnisses: Ich glaube.

Wir bitten den Herrn auch, an uns etwas zu tun, das zuweilen einem Wunder gleichkommt: die Augen unseres Herzens wieder sehend zu machen, die Augen zu erleuchten, damit wir erkennen können, zu welcher Hoffnung wir berufen sind, wie der Apostel im Brief an die Epheser sagt, damit wir dieses Licht wieder sehen können, von dem er gesagt hat: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben. 

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