Montag, 21. März 2011

Wir sind Jünger dessen, der an dir hing – das Kreuz

Gegrüßest seist du, Kreuz, das durch den Leib des Herrn
und von seinen Gliedern wie mit Perlen geschmückt ist.
Ehe er an dir hing, warst du voller Grausamkeit; nun aber
bist du voll göttlicher Liebe und mir willkommen.
Darum komme ich sicher und fröhlich zu dir, denn
ich bin ein Jünger dessen, der an dir hing. (hl. Andreas)

Der Predigtgärtner schreibt über das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und fordert die Abschaffung von Dürers betenden Händen und des Ampelmännchens (Vorsicht, Ironie). Da ich dabei war, über einen am Samstag in der Welt erschienenen Artikel den Kopf zu schütteln, möchte ich hinzufügen: schießt den Mond runter! Wir haben dann zwar keine Gezeiten mehr, aber egal. Diese ständigen Halbmonde indoktrinieren mich einfach!

Am Samstag erklärte uns DiE WELT das Kreuz mit dem Kreuz folgendermaßen (Anmerkungen in rot von mir):
Die Kreuze können hängen bleiben
Europäischer Menschenrechtsgerichtshof beendet Kruzifix-Streit und erlaubt den Staaten, in Schulen das christliche Symbol anzubringen [sehr gnädig, vielen Dank!]

In Deutschland ist laut Karlsruhe das Schulkreuz verfassungswidrig. Trotzdem wird der Heiland nicht entfernt
[Und das ist auch gut so, offensichtlich wird der Heiland dort gewollt. Ein schönes Beispiel übrigens dafür, wie man Halbwissen unters Volk bringt: Das BVerfG hatte nämlich nicht festgestellt, daß das Schulkreuz verfassungswidrig wäre.]

Europa bleibt religionspolitischer Streit erspart. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg entschied am Freitag in letzter Instanz, daß Kruzifixe in italienischen Schulen hängen dürfen und nicht aus Rücksicht auf nicht-christliche Schüler oder deren Eltern entfernt werden müssen. Damit revidierte die Große Kammer des Gerichtshofs ein Urteil der Kleinen Kammer von 2009, die genau entgegengesetzt geurteilt hatte, daß Kreuze in Klassenzimmern gegen die Religionsfreiheit der Schüler und das Erziehungsrecht der Eltern verstießen.

Indem diese Entscheidung nun rückgängig gemacht und das Auf- oder Abhängen der Kreuze dem Ermessen der jeweiligen Mitgliedsstaaten des Europarates überlassen wird, besänftigt das Gericht zum einen all jene, die mit dem christlichen Symbol in staatlichen Schulen die religiöse Prägung unserer Kultur veranschaulichen wollen und das Kreuz als Zeichen der biblischen Versöhnungsbotschaft auch bei nicht christlichen Schülern für pädagogisch wichtig erachten. Zum anderen vermeidet die Kammer einen Streit über die Frage, ob europäisches Recht in religiöse Gepflogenheiten einzelner Staaten eingreifen darf.

Den Anlaß zum Urteil gab eine aus Finnland stammende Italienerin, die sich an den Kruzifixen in den Klassenzimmern ihrer beiden Söhne in Italien gestört hatte.
[Man merke noch eimal auf: da zieht jemand aus Finnland nach Italien und fühlt sich dort von Kreuzen verfolgt. Die armen indoktrinierten Kinder sind mittlerweile 21 und 23 Jahre alt. Ob sie in Therapie sind, ist nicht bekannt.] Mit ihren Klagen auf Abhängung der Kreuze scheiterte sie in allen italienischen Instanzen. Doch 2009 gab ihr die Kleine Kammer des Europäischen Menschengerichtshofes recht: Die Kreuze müßten verschwinden. Dieses Urteil löste in Italien, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern und zumal bei der katholischen Kirche Empörung aus. Die Klägerin wurde von einzelnen Fanatikern sogar persönlich bedroht. [Finde jetzt nur ich das leicht eigenartig, daß die Nennung der vereinzelten Fanatiker gleich nach „zumal bei der katholischen Kirche“ erfolgt?]

Italien legte dann Beschwerde gegen das Urteil bei der Großen Kammer ein. Dem schlossen sich als Drittparteien zehn weitere Länder des Europarates sowie 33 EU-Abgeordnete und Organisationen wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Sie alle erhalten jetzt Recht. Denn die mit 17 Richtern besetzte Große Kammer befand, daß beim Kruzifix in Klassen keine Verletzung der Europäischen Menschenrechtskonvention vorliege und „sich nicht beweisen läßt, ob ein Kruzifix einen Einfluß auf die Schüler hat“.
Zudem seien hierbei die Entscheidungen der Staaten zu respektieren, „sofern diese Entscheidungen zu keiner Form der Indoktrinierung führen“. Eine solche Indoktrinierung aber sehen die Richter beim Kruzifix nicht. [Und wißt ihr was, ich glaub, die sieht auch keiner sonst, der sie nicht auf Teufel (pardon!) komm raus sehen will. Es ist zwischen Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung und völliger Bedeutungslosigkeit allerlei möglich, aber eben keine Indoktrination. Der Anblick eines Halbmondes indoktriniert mich zum Beispiel nicht im mindesten. Eigentlich find ich ihn hübsch.]
Zur deutschen Rechtslage steht dieses Urteil zumindest grundsätzlich in einer gewissen Spannung. Denn 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, daß Kruzifixe in Klassenzimmern nicht hängen dürfen, weil sie der Religionsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes widersprechen. Nach einer Beschwerde anthroposophischer Eltern aus Bayern befanden damals die Verfassungsrichter, daß die Anbringung eines Kreuzes in den Räumen einer staatlichen Pflichtschule gegen das Verfassungsprinzip verstößt [man beachte und vergleiche hier bei der Wahl der grammatikalischen Form, daß immer dann der Konjunktiv gewählt wird, wenn ein Gericht etwas feststellt, was dem Autor des Artikels nicht zu passen scheint. Paßt es ihm hingegen, wird es als Faktum festgestellt], wonach es den Bürgern zu überlassen sei, welche religiösen Symbole sie anerkennen und welche nicht. Wenn Kinder in einer Pflichtschule, die keine Bekenntnisschule ist, unterm Kreuz sitzen müssen, werde die Religionsfreiheit verletzt. [Diese armen geknechteten Kinder, die da unterm Kreuz sitzen müssen, sehe ich lebhaft vor mir. Sind es nicht eher deren spinnerte Eltern, mit denen sich die Gerichte auseinandersetzen müssen?]
Diese Entscheidung allerdings hatte so gut wie keine praktischen Konsequenzen. Denn die Bundesländer fanden Wege, um die Kreuze in den Klassen hängen zu lassen. [Also was jetzt, ist es den Bürgern zu überlassen oder eben nicht?] Als Bayern nach dem Karlsruher Urteil sein Schulgesetz ändern mußte, ging der Freistaat so vor, daß die Verletzung der Religionsfreiheit durchs Kruzifix jeweils eigens geltend gemacht werden muß. „Angesichts der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns wird in jedem Klassenraum ein Kreuz angebracht“, heißt es im geänderten bayerischen Gesetz. Erst wenn „der Anbringung des Kreuzes aus ernsthaften und einsehbaren Gründen des Glaubens oder der Weltanschauung widersprochen“ würde, müsse sich die Schulleitung um eine „gütliche Einigung“ bemühen. Und wenn die nicht möglich sei, müsse man „zu einem gerechten Ausgleich“ kommen. Dabei sei „auch der Wille der Mehrheit, soweit möglich, zu berücksichtigen“. Seitdem mußten erst in einem Fall eines Lehrers 2002 die Kreuze aus jenen Klassenzimmern abgehängt werden, in denen er jeweils unterrichtete.

Weil somit faktisch das Kruzifix in deutschen Schulen unangefochten bleibt [weil offensichtlich keine Mehrheit zustandekommt, die bereit ist, solchen Kokolores auch noch zu unterstützen…], unternahmen Kirchen und konservative Politiker am Freitag in ersten Reaktionen auf das Straßburger Urteil keinen Versuch, die deutsche Rechtslage infrage zu stellen. Vielmehr lobte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, Straßburg trage „dem überwiegenden Anteil der italienischen Bevölkerung Rechnung“. Mit Kreuzen, so Zollitsch, gebe der Staat seinen Werten und seiner Identität einen „unaufdringlichen Ausdruck“. Der evangelische Staatsrechtler Hans Michael Heinig, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, lobte das Straßburger Urteil als „kluge Entscheidung“, die einem Kulturkampf vorbeuge und die Verfassungsautonomie der Staaten achte. Erleichtert zeigte sich CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Und seine Parteifreundin Beate Merk, Bayerns Justizministerin, nannte das Urteil ein Signal gegen „eine Laisierung der Schule“. Sie zeigte sich in ihrer Meinung bestärkt, daß „auch von Minderheiten Toleranz eingefordert werden“ dürfe.

Trotz der obigen ironischen Anmerkung glaube ich, daß hier ein Stück weit Gnade im Spiel ist, allerdings kommt diese nicht von der Welt oder dem europäischen Gerichtshof. Die Kreuze und Kruzifixe bleiben hängen – denen zur Freude, denen sie etwas bedeuten, weil sie zum Beispiel erkannt haben, wie sehr Europa vom Kreuz geprägt ist (man denke an die Patrone Europas – Benedikt, Kyrill und Methodius, Katharina von Siena, Birgitta von Schweden und Theresia Benedicta vom Kreuz(!) – man denke an die Christen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, unter ihnen solche wie Dietrich Bonhoeffer, die Mitglieder der weißen Rose, Alfred Delp SJ und viele andere, diese Liste wäre schier endlos.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Korr.: BVG != BVerfG

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für die Korrektur. Mir war beim Schreiben so, als wolle die Berliner Verkehrsgesellschaft nicht mit dem Bundesverfassungsgericht verwechselt werden, dabei war es wahrscheinlich genau umgekeht.

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