Mittwoch, 30. März 2011

Seigneur, le silence est votre louange (6)

Die Mystikerinnen des Heiligen Herzens Jesu legen Wert darauf, für ihren Lebensunterhalt weitgehend selber aufzukommen. Ihr ökonomisches Rückgrat ist der kleine Bauernhof mit dem Obst und Gemüseanbau. Einmal im Jahr, nach Ostern, veranstalten Freunde einen Wohltätigkeitsbasar im Vorhof des Klosters und im Garten. Neben eingetopften Setzlingen und Blumen Marmeladen Likören, Kräutern, geschlachteten Kaninchen und Handarbeiten werden Jesuskinder aus Wachs in allen Größen angeboten. Die Nonne stellen sie her aus Kerzenresten, die sie, geschmolzen, in metallene Model gießen. Den erkalteten Formen nähen sie spitzenbesetzte Kleidchen und drehen für sie Locken aus dem Haar, das sich jede von ihnen von Zeit zu Zeit mit einer Schere nach Gefühl abschneidet.
Begehrt sind ihre bemalten Krippenfiguren aus Terrakotta: die heilige Familie und die Könige mit dem Kamel, ein Fischer mit Mütze und des Fischers Frau, die Wiegegewichte hält; eine Frau mit Knoblauchzopf und eine mit Brot, eine die den Esel führt und eine mit dem Fasan, ein Müller mit Mehlsäcken. Alle, die zur Krippe kommen, tragen provenzalische Tracht mit winzigen Stoffmustern.
Die Windelpakete fürs Jesuskind und das graue und braune Fell von Esel und Kuh dürfen alle Nonnen malen, die mit einem Pinsel umgehen können. Die Gesichter aber macht nur Sr. Marie de Jésus Enfant. Die ehemalige Deutschlehrerin setzt in Serie das helle Blau der Iris in den weißen Punkt des Augapfels. Später zieht sie den Strich für den kleinen Mund mit nur einem Haar und legt das Tonkind zurück in den Pappkarton voller Jesuskinder, die ihre Beinchen ausstrecken wie Frösche.

Das Leben im Wechsel der Glockenschläge ist ein Leben in wechselnder Stille., Einer Stille wie morgens beim gemeinsamen Frühstück im Refektorium, wenn die Frauen um die langen schmalen Holztische sitzen. Eine jede holt aus ihrer Tischschublade ein Stück Brot und eine numerierte Stoffserviette hervor. Auf dem Tisch steht die Tonschale, gefüllt mit süßem Milchkaffee. Die Schwestern blicken nicht auf, wenn eine heraustritt. Vor dem Fenster dämmert der Morgen. Aus dem Garten kommen Vogelstimmen. Sie löffeln den Kaffee mit dicken Holzlöffeln. Manche beißen das Brot dazu ab, manche brocken es ein. Sie essen gleichmäßig, jede ruhig vor sich hin. Mit den letzten Brotstücken wischen sie die letzten Tropfen des Kaffees aus den Tonschalen, gießen aus Krügen ein wenig Wasser hinein und wachen mit dem Zeigefinger den Holzlöffel ab. Sie öffnen die Schublade, falten die gestärkte und gebügelte Stoffserviette genau zusammen und legen den Löffel sorgfältig darauf, bereit für die Mittagsmahlzeit.

Still ist die Arbeit auf den Ländereien. Wenn eine Nonne mit dem Schubkarren über das Feld kommt, ist sie immer ein wenig schneller als der leichte Schleier, der die Bewegung zu verzögern scheint und noch ein wenig in der Luft stehen bleibt. Schleier über Himbeerbüschen, Schleier im Artischockenfeld, unter dem Quittenbaum, hinter dem Lorbeer. Angepflockt meckern Bichou und Bichette. Eine Möwe zieht schreiend ihren Kreis über den Narzissen und den dunkleren Lilien beim sorgfältig angelegten Kreuzweg, der, wo der Judasbaum steht, in den Kalvarienberg mündet, mit den lebensgroßen Heiligenfiguren aus Gips.

Still ist das Schreiten in den langen Gängen, wenn die bewegte braun-schwarze Silhouette von Tunika und Schleier die Haltung einer jeden verstärkt, so daß sie schon von weitem erkannt wird, noch bevor ihr Gesicht auszumachen ist. Und dann gibt es die späte Stille am Abend, wenn die Arbeit getan, das Stundengebet gesprochen ist. Die Zellen haben weder Wasser noch Licht. Auch keine Kerze. Hier ist das Bett, hier der Stuhl, da das an die Wand montierte Brett mit der Seife, der Zahnbrüste, dem abgegriffenen Brevier. Am Boden steht die Tonschüssel mit dem Wasserkrug. Am Kleiderhaken hängt das Hemd für die Nacht. Lautlos faltet die Nonne vor dem Schlaf den Schleier zusammen wie einen Flügel.

Bevor ich abreise, fragen mich Notre Mère und Sr. Véronique, ob sie mir ein Vesperbrot einpacken sollen. Ich danke, das sei nicht nötig, im Flugzeug gebe es immer etwas. Sie schauen mich sehr erstaunt an. Bis ich begreife: So sind wohl die Menschen in der Welt. Da sitzen sie einmal im Himmel und was tun sie? Sie essen.

Zwei Gesichter im strengen Oval lachen. Dann schließt sich die Tür des Konvents.
Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Mit diesem Beitrag geht die kleine Reihe über die Schwestern der Victimes Religieuses in Marseille zu Ende. Das Zitat, mit dem viele Beiträge (und das zugehörige Label) überschrieben sind, Seigneur, le silence est votre louange, hängt als Wandspruch hinter dem Tisch der Oberen im Refektorium[1] der Schwestern. Eigentlich aber ist es ein Vers aus dem 65. Psalm (der so in der Einheitsübersetzung nicht wiedergegeben wird):

Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion
und dir bezahlt man Gelübde.

___
[1] Das Refektorium ist einer der Orte in einem kontemplativen Kloster, in dem traditionell nicht oder möglichst wenig gesprochen wird. Eigentlich erheben – mit Ausnahme des Tischgebets – darin nur die Obere, falls sie der Gemeinschaft kurze Ankündigungen zu machen hat, und die Tischleserin ihre Stimme.

Kommentare:

jos.m.betle hat gesagt…

Liebe Braut, noch einmal herzlichen Dank für all das. Das entsprechende Heft von Geo habe ich. Wenn noch etwas norwendig ist, dann...
Lb.Gr.

Zagorka hat gesagt…

Auch von mir ganz besonderen Dank, es war sehr schön, dies lesen zu können.

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielen Dank euch - es war sehr schön, dies teilen zu können. :)

wafeperu hat gesagt…

Great, I never knew this, thanks.

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