Donnerstag, 3. März 2011

Narrensprung


Wenn „es“ wieder richtig losgeht, bin ich eigentlich froh, denn dann ist „es“ bald wieder vorbei (bleibt noch Mainz bleibt Mainz als leckerer Bissen, aber das kann man ja weiträumig umfahren).

Die einzige Form von Carne vale, der ich bis jetzt etwas abgewinnen konnte, ist der, den ich von Kindheit an kenne: die Rottweiler Fasnet mit ihrem Narrensprung – gesprungen wird heuer am Montag und Dienstag, den 8. und 9. März, jeweils ab 8 Uhr morgens. (Eine Ankündigung wie „Während der Pause in der Unteren Hauptstraße bekommen die Kinder im Spital einen Kaba“ ist geeignet, mich gefühlsmäßig um einiges zurückzuversetzen…)



Bei dieser Form von Fastnacht, die sich in Jahrhunderten kaum verändert haben dürfte, sind die Wurzeln des Brauches ziemlich gut erkennbar: die Austreibung des Winters. Die Rottweiler Fasnet wird bereits 1310 urkundlich erwähnt, 1360 wurde schon darüber gepredigt. 1501 befand man es für nötig, 300(!) Schaffhausenern die Teilnahme an der Rottweiler Fasnet zu verbieten. 1653 haben die Jesuiten diesem Brauch den „heiligen Krieg“ erklärt – 1803, als Rottweil württembergisch wurde, hatten wiederum die pietistischen Württemberger etwas dagegen. In der Folgezeit wurde die Fasnet noch mehrmals verboten. Auf dem Foto von 1914 begrüßen Rottweiler Narren den württembergischen König Wilhelm II. am Bahnhof.


Einige Narren (ich weiß nicht, welche Sorte) tragen beim Umzug eine mit Luft gefüllte Schweinsblase an einem Stock mit sich herum. Diese Blase bekommt ab und zu eine der beim Umzug Zusehenden übergezogen.[1]


Gschell (der Narr heißt nach dem, was er trägt)
Als ich noch ziemlich klein war, haben Narren beim Umzug einmal meinen Vater „entführt“. Als er zurückkam, war er grün angestrichen. Man kann sich vorstellen, wie mir das gefiel, meine Mutter dagegen war entsetzt (dabei ist er ja nicht dauerhaft grün geblieben…).

Wer in Bezug auf die Beteiligung beim Narrensprung meint, da könne ja jeder kommen, irrt sich gewaltig, denn die Regeln, nach denen genarrt werden darf, sind altehrwürdig und genau vorgeschrieben, die Kostüme oft seit Generationen in der Familie weitervererbt.


Fransenkleidle…

…mit Nachwuchs
Besonders apart finde ich unter den Regeln für das Auftreten der Narren:
  • daß der Narr keine Orangen auswerfen soll, da dies durch ein Gerichtsurteil verboten ist, Brezeln oder Berliner erfüllen den gleichen Zweck…
  • daß jeder Narr nach dem Narrensprung eine Pause braucht, er sich aber auch im Wirtshaus nicht von Teilen seines Narrenkleides entledigt (Kopfstück, Glocken, Kittel) und auch wieder auf die Straße gehen soll…
und natürlich
  • daß mit dem Betzeitläuten (18 Uhr) ein schöner Fasnetstag zu Ende ist und jeder Narr nach Hause gehen muß, um sein Narrenkleid auszuziehen.
____
[1] Saubloder (Schweineblase) ist übrigens ein im ohnehin viel derberen Schwäbischen gern verwendetes Wort für eine ausgesprochen blöde Kuh (menschlich).

Kommentare:

Lauda Sion hat gesagt…

gefällt mir, für die andere art karneval bin ich auch nicht zu begeistern ^^

Johannes hat gesagt…

Normalerweise fliehe ich das Getöse um Karneval eher. Hier aber würde ich auch zu gern mal hingehen. Vielleicht ergibt es sich ja mal...

Braut des Lammes hat gesagt…

Ist unbedingt zu empfehlen – mit anderen Sorten Karneval hat die Fasnet auch stimmungsmäßig meinem Empfinden nach wenig zu tun, es ist alles viel ritueller.

Anonym hat gesagt…

Hallo, die Narren mit der Saublodere (Schweinsblase)sind von der Elzacher Narrenzunft.
In Rottweil gibt es zwei Narrentypen mit Weißkleidle und jeweils sechs Glockenriemen:
Die Narren mit einem Fuchsschwanz und Hahnenfedern auf dem Kopf heißen Biss (s.Foto),
die mit drei Fuchsschwänzen an der Haube und dem lieblicheren Gesicht heißen Gschell...

Braut des Lammes hat gesagt…

Aaah, vielen Dank! :)

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