Donnerstag, 10. März 2011

Fastenzeit – erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes


Iwan Nikolajewitsch Kramskoi, Christus in der Wüste

Ich verlange von dir kein übertriebenes Fasten und keine maßlose Enthaltsamkeit in der Nahrung, wie sie leicht zarte Körper gefährden kann, so daß sie zu kränkeln anfangen, ehe sie den Grundstein zu ihrer frommen Lebensweise gelegt haben. Auch die Philosophen vertreten den Grundsatz, daß die goldene Mittelstraße die Tugend ausmacht, während die Übertreibung vom Übel ist. Deshalb sagt auch einer von den sieben Weisen: „Nur nichts übertreiben“ … Du sollst so fasten, daß du nicht vor Schwäche zittern mußt oder nur mit Mühe atmen kannst, so daß dich deine Gefährtinnen auf den Händen tragen oder an den Armen schleppen müssen. Vielmehr sollst du die Eßlust in dem Maße abtöten, daß du weder an der üblichen Lesung der Psalmen noch an den gewohnten Nachtwachen etwas zu kürzen brauchst. Das Fasten an sich ist noch nicht die vollendete Tugend, vielmehr ist es die Grundlage der übrigen Tugenden. Dasselbe gilt von der Heiligung und Züchtigkeit, ohne die niemand Gott schauen kann. Sie sind wohl eine Stufe zum Aufstieg, aber für sich allein werden sie niemals die Krone einer Jungfrau ausmachen. (Hieronymus: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese, an die geweihte Jungfrau Demetrias)


Ich glaube, das war das erste Mal, daß ich bei der Lectio eines Kirchenvaters laut herausgelacht habe – bei der Vorstellung, wie mich meine Gefährtinnen „auf den Händen tragen oder an den Armen schleppen“ müßten. (Keine Sorge!)

Sicherlich hat der hl. Hieronymus hier aber recht, wenn er vom goldenen Mittelweg spricht. In der Tat kann man sich zwischen zwei Extremen bewegen: der Möglichkeit, dem Buchstaben nach zu fasten, dabei aber auch noch die leiseste persönliche Anstrengung zu vermeiden – etwa, indem man sich am Fast- und Abstinenztag zur „einmaligen Sättigung“ vor eine Tafel setzt, die sich leicht nach unten durchbiegt, und dort in Edelfisch (oder dem, was heute dafür gilt, früher aber einmal ein Armeleute-Essen war), Kaviar, Trüffeln, Meeresfrüchten und den erlesensten Käsesorten schwelgt, bis wirklich nur noch ein hauchdünnes Pfefferminzplätzchen Platz hätte.

Oder aber der Versuchung, die Fastenzeit als eine Art athletischen Hindernisparcours zu betrachten. Auch dies rückt der hl. Hieronymus in die richtige Perspektive: Wo man aber auf die Gnade angewiesen ist, da kann von keiner Vergeltung für das Tun die Rede sein, sondern nur von der Freigebigkeit des Spenders nach dem Wort des Apostels: „Nicht auf unser Wollen, nicht auf unser Laufen kommt es an, sondern auf Gottes Erbarmen.“ Und doch ist das Wollen und Nichtwollen unsere Sache. Aber auch das, was wir dazu beigetragen haben, hätten wir wieder nicht beitragen können ohne Gottes Erbarmen.

Worauf es wirklich ankommt, darauf hat unser Pfarrer gestern in seiner Predigt am Aschermittwoch hingewiesen:

Das Zeichen des Aschekreuzes ist ein Zeichen der angenommenen Vergänglichkeit und zugleich ein wirkliches Kainsmal, das die Gemeinschaft auf sich nimmt, um sich mit dem schweren und schwersten Sünder zu solidarisieren.

Die meisten von uns haben alle noch mal Glück gehabt. Sie haben keinen Menschen schwer geschädigt, auch die Unwahrheiten sind im Rahmen des Üblichen, wir können uns noch einmal am eigenen Zopf aus dem Sumpf der Sünde herausziehen. Aber es gibt unter uns auch Menschen, die können das nicht, die brauchen unsere Unterstützung und vor allem unsere Solidarität. Diese können ihre Schuld nicht alleine tragen. Mit dem Aschekreuz verteilen wir sie auf die Schultern aller. Die schweren Sünder brauchen dieses Zeichen des Aschekreuzes auf den Stirnen der Mittelmäßigen, damit auch sie genau das empfinden, was die Fastenzeit aussagen möchte: Das Kreuz Christi war nicht umsonst. Du bist mit all deinen Schwächen und Fehlern und auch mit dem Unverzeihlichen an dir, mit dem Abgründigen in dir – du bist von Gott geliebt. Du bist Teil seiner Schöpfung – er hat dich bei deinem Namen gerufen.

Das erscheint mir besonders wichtig, wenn die Fastenzeit immer wieder und gerade bei Katholiken, denen der Glaube wichtig ist, als eine Zeit der individuellen religiösen Bestleistung und asketischen Selbstüberwindung gesehen wird.

Viel wichtiger als die Werke, die wir öffentlich vorweisen, ist die Haltung, in der wir sie getan haben. Jeden Tag beten wir mit König David im 50sten Psalm: Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst DU nicht verschmähen. Ausschlaggebend ist das Herz und nur das Herz! Und um die Gnade einer erneuerten Liebe, die nicht Leistung sondern Geschenk ist, für mich und für meinen Nächsten, um diese Gnade wollen wir uns mühen mit dem Apostel, der uns zuruft: Laßt euch mit Gott versöhnen!

Im Gebet bei der Segnung der Asche hieß es gestern: Erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes. Dem Vorbild dieses Sohnes streben wir nach, indem wir fasten. Das Antlitz, das Bild dieses Sohnes aber sind Liebe und Erbarmen.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...