Montag, 28. März 2011

Der Gesang der Amsel auf der Pinie – Glück

Alipius nimmt ein Zitat aus den Tiefen des Internets, in dem die Auffassung vertreten wird, es wäre angesichts des Unglücks in Japan „unanständig, ja irgendwie obszön, Glück zu empfinden“, zum Anlaß eines Beitrags über das Glück, denn er ist nicht dieser Ansicht. Ich auch nicht, ich halte sie für geradezu absurd. Was sollte denn den Japanern unser etwaiges Unglück nutzen? Sie brauchen nicht unser Unglück, sie brauchen unser Gebet und was an technischer oder materieller Hilfe gegeben werden kann.

Die unbeschuhten Karmelitinnen sind ein Orden, der wohl wie kaum einer fürbittend für die Leidenden in der Welt vor Gott tritt. Zwei ganze Stunden des Tages hat die Schwester allein für das innere Gebet. Zugleich machen die Karmelitinnen einen ausgesprochen glücklichen und zufriedenen Eindruck, zuweilen ist man sogar ausgesprochen albern. Zweimal am Tag kommen die Schwestern zu einer halbstündigen, gemeinschaftlichen Rekreation zusammen. Wörtlich heißt Rekreation Neuschöpfung, Wiedererschaffung. Gemeint ist, Kraft schöpfen für die Zeit der Stille, das eremitische Leben in der Wüste. Selten habe ich „in der Welt“ so gelacht wie in der Klausur eines gewissen Klosters. Was ich damit sagen will? Auch wenn es in der Welt unsagbares Leid gibt und wenn wir dieses Leid in allem Ernst vor Gott tragen und mittragen, so dürfen wir doch Fröhlichkeit, Zufriedenheit oder Glück empfinden, wenn uns das zufällt. Den freudigen Geber hat Gott lieb, heißt es in der Schrift. Über Glückserlebnisse aus schierer Freude an Gottes Werk schreibt die große heilige Teresa in der Inneren Burg:
Zwischen diesen schmerzlichen und köstlichen Vorkommnissen gibt unser Herr der Seele bisweilen Jubelrufe und ein wundersames Beten mit, von dem sie nicht verstehen kann, was das ist. Ich erwähne diese Gnade hier, damit ihr ihn sehr lobt, falls er sie euch erweisen sollte, und wißt, daß es etwas ist, das vorkommt. Es ist meines Erachtens eine starke Einung der Seelenvermögen, doch läßt unser Herr ihnen und ebenso den Sinnen die Freiheit diesen Genuß zu genießen, ohne zu begreifen, was sie da genießen und wie sie es genießen. Das scheint Kauderwelsch zu sein, aber es passiert genauso, denn es ist ein so übermäßiger Genuß für die Seele, daß sie ihn nicht allein genießen, sondern allen weitersagen möchte, damit sie ihr helfen, unseren Herrn zu loben, denn daraufhin zielt ihr ganzer Beweggrund ab. O was für Feste würde sie geben und was für Zeichen, wenn sie nur könnte, damit alle ihr Genießen mitbekämen! Es sieht so aus, als hätte sie zu sich gefunden und als wolle sie, wie der Vater des verlorenen Sohnes alle einladen und große Feste geben, da sie ihre Seele an einem Ort sieht, von dem sie nicht bezweifeln kann, daß sie in Sicherheit weilt, zumindest für jetzt. Und ich bin überzeugt, daß sie Recht hat, denn solch tiefer innerer Genuß im tiefsten Inneren der Seele, bei solchem Frieden und wo ihr ganzes Glück sie zu Lobpreisungen Gottes drängt, das kann unmöglich der Böse eingeben. Es ist schon viel und keine geringe Qual, wenn sie schweigt und es verheimlichen kann, sobald sie diesen starken Ansturm an Freude erlebt. Das muß wohl der heilige Franziskus empfunden haben, als ihm die Räuber begegneten, denn er ging laut rufend übers Feld und sagte ihnen, er sei ein Herold des großen Königs; und auch andere Heilige, die in die Wüsten gehen, um wie der heilige Franziskus als Herolde dieser Lobpreisungen Gottes auftreten zu können. Ich habe einen gekannt, der Fray Pedro de Alacantra hieß (er ist so einer, glaube ich, nach seinem Leben zu urteilen), der genau dies machte, und wer ihn das eine oder andere Mal hörte, hielt ihn für verrückt. Welch heilsame Verrücktheit, Schwestern, wenn Gott sie uns doch allen gäbe! O unheilvolle Zeiten, und erbärmlich das Leben, in dem wir gerade stehen! Glücklich diejenigen, denen ein so gutes Los zugefallen ist, daß sie ihm entkommen sind! Manchmal ist es mir eine besondere Freude, wenn ich diese Schwestern beisammen sehe, wie sie dieses Glück so ausgeprägt in ihrem Inneren haben, da diejenige, die mehr vermag, dem Herrn um so mehr Lob dafür spendet, sich im Kloster zu sehen, denn man sieht es ihnen an, daß diese Lobpreisungen aus tiefster Seele kommen. Ich möchte, daß ihr das oft tut, Schwestern, denn eine, die damit beginnt, regt die anderen an. Wozu könntet ihr euere Zunge besser gebrauchen, wenn ihr zusammen seid als für Lobpreisungen Gottes, da wir so viel Grund haben, um sie ihm zu bringen? Möge es seiner Majestät gefallen, daß er uns diese Gebetsweise oft schenkt, da sie so sicher und gewinnbringend ist! Erwerben können wir sie nicht, da sie etwas ganz Übernatürliches ist; doch kommt es vor, daß es einen Tag lang anhält und die Seele herumläuft wie jemand, der viel getrunken hat, aber nicht so viel, daß er von Sinnen ist, oder wie ein Melancholiker, der den Verstand noch nicht ganz verloren hat, aber von etwas, das er sich in den Kopf gesetzt hat, nicht mehr los kommt, noch es jemanden gibt, der ihn da herausholte.Es sind dies ziemlich grobe Vergleiche für etwas so Kostbares, aber mein Geist trifft auf keine anderen. Es ist nämlich so, daß diese Freude sie auf alle Dinge vergessen läßt, so daß sie nichts bemerkt noch zu sagen vermag außer, das was ihrer Freude entspringt, und das sind Lobpreisungen Gottes. Helfen wir dieser Seele, meine Töchter, wir alle! Wozu wollen wir denn mehr Hirn haben? Was kann uns größeres Glück verschaffen? Und helfen sollen uns alle Geschöpfe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Amen! Amen!
Auf dem Bild ist die kleine hl. Theresia, nicht die große. Trotzdem – sieht so jemand aus, der sich wegen des Leidens in der Welt nicht gestattet hätte, auch Glück zu empfinden und der mit den Worten Mein Gott, ich liebe dich! gestorben ist?

Die Schriftstellerin Elisabeth Goudge hat einmal das Wesen des kontemplativen Gebets beschrieben und die Begabung zur Freude an den kleinen Dingen im Leben als eine Gnadengabe beschrieben: genauso ist es. Die Freude am Geschmack eines reifen Apfels, dem Sonnenlicht, dem Geruch einer frischgemähten Wiese, dem Gesang einer Amsel – das alles kann schieres, sinnliches Glück schenken, und Gott hat all das nicht erschaffen, damit wir uns nicht daran freuen sollen. Ich stelle mir mein persönliches Paradies immer so vor: ich liege an einem warmen Abend auf dem Palatin im Gras und oben auf einer Pinie sitzt eine Amsel und singt ihr Lied.

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