Mittwoch, 2. März 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Jeanne d'Arc


Sr. Marie Jeanne d'Arc heißt Marie, wie alle Schwestern des Ordens, und Jeanne d'Arc, weil sie aus Reims gekommen war. Ihr Vater arbeitete dort als Arzt und daher hatte die Priorin befunden, daß sie die klösterliche Krankenschwester werden solle. Dabei hatte sie etwas anderes studiert. Aber Belesenheit in der lateinischen und französischen Literatur des Mittelalters wird im Kloster nicht gebraucht. Hingegen muß ein Kräutergarten gepflegt, die Krankenkartei der Schwestern geführt werden. Nützlich ist, wenn eine Schwester etwas von Massage versteht und einen Verband anlegen kann. Sr. Jeanne d'Arc vergaß die Poesie und wurde Profi in erster Hilfe.

Sie ist 46 Jahre alt und hat das Gesicht einer 26jährigen. Ihre Haut, die seit Jahrzehnten nur mit Wasser und selbstgekochter Seife in Berührung kommt, straft die Verheißungen der Kosmetikindustrie Lügen. Aber das weiß sie nicht.

In ihrem Elternhaus wurde religiös gelebt, die Mutter und die Töchter waren katholisch, der Vater und die Knaben evangelisch, bis der männliche Teil konvertierte, damit Ruhe sei. Sie war Taufpatin ihres Bruders. Nachdem das Sakrament vollzogen war, begab sich die Festgemeinde aus der Kathedrale hinaus auf den Vorplatz, wo sich ein Jahrmarkt ausgebreitet hatte. Zwangsläufig mischte man sich unter die laute, bunte Menge, in der es nach Mandeln roch und nach gebratenem Fleisch. In der Kirche aber, dachte die junge Patin, bleibt Gott nun allein. Augenblicklich schien ihr die Tatsache, Gott in der leeren Kathedrale zurückgelassen zu haben, eine Versündigung zu sein, und sie wußte, daß sie anders leben wollte. Sie brauchte den dauernden Bezug, das ständige Zusammensein mit Gott.

Die Opfer des Heiligsten Herzens Jesu beten ihren göttlichen Bräutigam unablässig an. Mindestens eine von ihnen verweilt immer dort. Ein Stundenplan neben der Bibliothek notiert genau, wann welche Schwester in der Kapelle bleibt. Tagsüber wechseln die Schwestern einander alle halbe Stunde ab, nachts alle anderthalb Stunden. Eine Nonne schläft zwei Nächte durch, in der dritten wacht sie ihre Zeit.

Weil Sr. Jeanne d'Arc sie gern mag, versorgt sie die Ziegen Bichou und Bichette. Früher hatten die Nonnen Schafe, aber Schafe, sagt sie, bleiben verschlossen, Ziegen hingegen zeigen Zärtlichkeit. Hinter den Ohren tragen sie kleine Madonnenmedaillen, damit sie besser Milch geben. Nach der Meditation wird Sr. Jeanne d'Arc hinübergehen in den Stall und beim Melken helfen. Sie klettert auf den Heuboden und holt das Futter herunter. Sr. Marie Marguérite du Divin Cœr, die für die Sakristei zuständig ist, setzt die Zapfen der Melkmaschine an das Euter der Klosterkuh. Mit der Hand melkt sie dann nach. Später während der Heiligen Messe, die ein alter Pater täglich bei den Nonnen liest, kann es sein, daß ein Hauch von Stall über der Szene liegt. Aber die Nonnen riechen es nicht mehr, und Jesus ist das von Kindheit an gewähnt.

In ihrer Seele vereint Sr. Jeanne d’Arc den Willen zur Buße mit der Fähigkeit zum Glück, einer im Kloster verbreiteten Variante der Empfindungsfähigkeit. Sie habe gelernt, daß, wer von sich selbst absehe, plötzlich frei sei von der Anstrengung, glücklich werden zu müssen. Der Spiegel, der ihr Verhalten bestimme, sei das Gesicht ihrer Mitschwester. Sie möchte ein fürsorglicher Teil einer harmonischen Gemeinschaft sein, die allein Gott dient. Sie war ins Kloster gekommen, um Buße zu tun und war sehr überrascht, im Kloster heiter und ausgeglichen zu sein. Aber das habe seine gnadenvolle Richtigkeit. Der Herr wünsche sich eine glückliche Braut. Denn wenn eine Nonne glücklich ist, kann sie Gott besser lieben.

Im nächsten Frühling jährt sich ihr Eintritt zum 25. Male. Sie wird den Kranz aus weißen Seidenrosen tragen, mit den langen schwarzen Dornen. Zum erstenmal trug sie ihn nach Beendigung des zweijährigen Noviziats, das an die sechsmonatige Probezeit anschließt. Zum zweiten Mal trug sie ihn drei Jahre später, als sie ihr Gelübde auf Lebenszeit ablegte: Sie sagte ab den Sinnen, sich selbst und der Welt. Sie gelobte Armut, Keuschheit Gehorsam und Klausur. Zum letztenmal trägt sie den Kranz nach ihrem Tod, wenn die Mitschwestern sie feierlich und schön in der weißen Kapelle aufbahren und die Totenwache halten.

Das Kloster besitzt vier solcher Kränze. Sie werden in einem Karton oben im Wäschezimmer aufgehoben, wo auch die Schränke stehen, die gefüllt sind mit den numerierten Wäschestücken der Nonnen. Das Glück einer Nonne kann darin bestehen, sehr leicht zu sterben. Ihr Leben, das die Unio, die mystische Vereinigung mit Gott anstrebt, steht mit dem Tod vor seiner Erfüllung.


Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Kommentare:

B. hat gesagt…

Vielen Dank für die schönen Beiträge über das Kloster. Welche Geo-Ausgabe ist das denn genau? Ich müßte noch ein Archiv aller Ausgaben seit der Erstausgabe bis Mitte der Neunziger bei meinen Eltern haben, wenn es nicht weggeschmissen wurde.

Braut des Lammes hat gesagt…

Das müßte genau passen – es ist Geo Nr. 12 aus dem Jahr 1992.

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