Mittwoch, 23. März 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Gemma von Jesus

Sr. Marie Gemma de Jésus kennt jede ihrer Mitschwestern noch als Novizin. Darauf ist sie stolz. Die heute 81jährige lebt seit 58 Jahren im göttlichen Brautstand. Viermal hat sie die Dornenkrone mit den Seidenrosen getragen; dem letzten Mal sieht sie freundlich entgegen.

Ihre Wangen sind rosa vom Wind auf den Feldern, Als eine der vier Laienschwestern des Klosters arbeitet sie auf den Ländereien und im Garten. Sie geht gebückt, immer ein Kräutlein im Blick. In ihren Händen können Kaninchen schlafen. „Pour les petit lapins“, „die Häschen“, sammelt sie in ihrer blauen, hochgebundenen Schürze den Löwenzahn auf den Wiesen, oder sie bringt ihnen die gekochten Kartoffelschalen aus der Klosterküche. 60 Kaninchen in 25 Stallgefachen kennen Sr. Gemmas Schritt genau. Wenn sie das Gatter zum Hühnerhof öffnet, stürzen ihre Schützlinge vor und trommeln mit den Vorderläufen gegen den Draht. Auch die Hühner reagieren, nur gelassener. Da kupferbraune Federvieh, das in den tiefen Ästen des Feigenbaumes schaukelt, springt herunter auf den sandigen Boden und trippelt gackernd dem Habit nach.

Sr. Gemma ist unterwegs auf den zwei Hektar des klösterlichen Anwesens. Sie hört die Glocken, die viermal am Tag zum Stundengebet rufen, aber als Laienschwester folgt sie ihnen nicht in die Kapelle, wo die Psalmen lateinisch gesungen werden. Zwischen Himbeersträuchern oder bei den Tomaten schlägt sie ein Kreuz und spricht mit ihrem Herrn ein Wort.

„Vocation“, Berufung, ist ihr eine unnötig große Vokabel. Schon bei ihrer Erstkommunion habe sie sich gewünscht, als Schwester zu leben. Mehr ist nicht zu sagen.

Ihre Eltern waren als Gastarbeiter aus Italien gekommen, der Vater aus Civitavecchia, die Mutter von Sardinien. In Marseille hatten sie gehofft, Arbeit zu finden. Der Vater kam in einer Kalkbrennerei unter und ruinierte seine Lunge. Sechs Kinder hatte er zu ernähren. Sie, Angelina, die Erstgeborene, habe er sehr geliebt. Er habe sie nicht ins Kloster gehen lassen wollen, weil er fürchtete, sie werde dort nicht froh. Alle anderen Geschwister sind verheiratet und haben Kinder. Sie aber habe nicht heiraten mögen. Sie wollte leben „pour le bon Dieu“, für den lieben Gott. Sie habe viel Kraft, immer noch. Sie muß einige Dinge im Garten erledigen.

Wenn die Felder und Wiesen des Klosters lächeln könnten, hätten sie Sr. Gemmas Gesicht. Wer nicht weiß, wie lange sie schon im Kloster ist, kann es präzise genug ablesen am Christus aus Messing, der am Holzkreuz auf ihrer Brust liegt. Bei den jungen Nonnen zeigt der Gekreuzigte noch alle Gliedmaßen in feiner Kontur. Bei Sr. Gemma ist er nur noch eine Grundform seiner ursprünglichen Gestalt, von den vielen Berührungen abgenutzt wie ein Kiesel im Fluß.


Quelle: A. Overath: Stilles Glück

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