Dienstag, 22. März 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Emanuelle von den Engeln

Zwei Chorstühle weiter sitzt Sr. Marie Emanuelle des Anges. Die besondere Weise, wie sie niederkniet und aufsteht, wie sie beim täglichen Bußgebet die Arme in Kreuzform ausstreckt und während der Minuten des Betens waagerecht hält, die Haltung ihrer Hände allein könnte einen Beobachter aufmerksam werden lassen. Sr. Emanuelle war Tänzerin.

Heute versieht sie das Refektorium, den Speisesaal der Nonnen. Nach den Mahlzeiten wischt sie die Tische erst feucht, dann mit einem trockenen Tuch ab, sie fegt die Brotkrümel von den Bänken und ordnet die Kissen, die an den Plätzen der älteren Schwestern liegen. Bei weit geöffneten Fenstern kehrt sie den Steinfußboden.

Als Mitglied einer klassischen Ballett-Truppe ging sie auf Tournee. Sie hat in Frankreich getanzt, in Belgien, in Berlin, einmal in Montreal. Sie habe hart gearbeitet, sagt sie. Beim Tanzen brauche man viel Willen, um immer gut zu sein, um sich unablässig zu korrigieren. Man müsse sich immer wieder im Spiegel zuschauen. Im Kloster versuche man im Gegenteil, sich zu vergessen. Sie habe sich völlig umgekehrt.

Schwester Emanuelle hatte religiöse Bekannte hier im Viertel und war fast zufällig – „Schau dir das doch mal an!“ – ans Parloir gekommen. Sie sei neugierig geworden. Sie habe wissen wollen, was die Nonnen den ganzen Tag hinter den Mauern taten. Sie ahnte ein Mysterium, und es begann sie zu interessieren. In dem dunklen Raum sprach sie mit der Priorin. Als sie hörte, wie im Hintergrund zwei Nonnen tuschelten, war sie erleichtert. Mein Gott, dachte sie, sie tuscheln, sie sind ja wie du.

Sie fuhr zurück nach Paris und wurde sich bewußt, wie es ihr schwerfiel, ein normales Leben aufzunehmen. All diese Leute, all diese Köpfe. Sie tanzte. Sie saß in der Metro und las im Faltprospekt des Klosters. Es wurde Winter, und sie dachte an die Schwestern. Die Armen, sie heizen nicht. Endlich begann sie eine Korrespondenz. Die Priorin lud sie ein, einige Tage bei Madeleine in einer Zelle zu wohnen. Sie kam im Juli. Sie reiste nach Paris zurück. Sie tanzte. Sie spürte, daß etwas, vielleicht war es Gott, in ihr arbeitete.

Die Entfernung zu ihrem täglichen Leben wuchs. Das alles ging sie nur noch erschreckend wenig an. In einem Brief teilte sie ihrer Freundin den Entschluß mit, in das Kloster einzutreten. Und weil es eine wirkliche Freundin war, setzte die sich sofort ins Flugzeug und kam. Beide verbrachten noch einige Tage zusammen. Ihrer Truppe sagte sie nichts. Nach den Sommerferien erschien sie nicht mehr zu den Proben: sie war Nonne geworden, mit 32 Jahren. Heute erinnert sie sich an die beglückende Empfindung, von einer Gemeinschaft erwartet zu werden. Sie hatte gespürt, daß die Schwestern für die beteten, sich auf sie freuten und sie liebten, noch bevor sie bei ihnen war.


Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Kommentare:

Florianus hat gesagt…

deo gratias - und vergelt's Gott für das schöne Blog ...

Rosenkranz-Atelier hat gesagt…

Ergreifend!
So eine Geschichte muesste verfilmt werden!

Braut des Lammes hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Braut des Lammes hat gesagt…

Ja, das hat wirklich was. Eine vergleichbare Geschichte, die man ausführlich nachlesen kann, ist das Buch von Mirelle Nègre Ich tanze, Gott, für dich. Die frühere Primaballerina der Pariser Oper ist in das Karmelitinnenkloster von Limoges eingetreten. Ich schreibe demnächst etwas über sie.

Braut des Lammes hat gesagt…

Florian, danke für das freundliche Lob. Ich hoffe, es geht dir gut und auch, daß du irgendwann wieder anfängst zu bloggen.

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