Samstag, 26. Februar 2011

Seigneur, le silence est votre louange (4)

Paris, 13. September 1969. Dominique Chiron, Studentin der Rechte, 22 Jahre alt, wird von ihrem Vater an den Bahnhof gebracht. Beide verabschieden sich nur noch kurz. Dominique Chiron wird nicht zurückkommen. Sie reist ohne Gepäck. In Marseille wird sie von einer Frau empfangen, in deren Wohnung sie die Nacht verbringen kann. Am nächsten Morgen nimmt sie den Stadtbus Richtung Belle de Mai in das Viertel der Marseiller Tabakarbeiter. Die letzten 200 Meer geht sie zu Fuß. Sie zieht an der Glocke der unauffälligen Holztür Rue Levat Nr. 28, die in einer gewaltigen Natursteinmauer Verschwindet. Dominique Chiron wird erwartet.

Der 15. September 1969, ein Sonntag, ist für die 44jährige Schwester Véronique de la St. Face ein Datum, das ihr geläufiger ist, als der Tag ihrer Geburt: Sie ist in das Kloster der Opfer des Heiligsten Herzens Jesu eingetreten. Am Morgen dieses Tages hat die heutige stellvertretende Priorin sich im Garderobenspiegel zum letzten Mal ins Gesicht gesehen. Die Regel des Klosters verbietet Spiegel. „Dieu seul“, Gott allein, zu leben, bedeutet Verzicht auf sich selbst, auch auf das eigene Bild – und Verzicht auf die Welt. Die in der Klostergemeinschaft der „Opfer“ versammelten Frauen sind Mystikerinnen, die ihr Dasein nach wie vor den strengen Regeln unterwerfen, welche Die Ordensgründer vor 150 Jahren erlassen haben. Nur in Ausnahmefällen und in Anwesenheit der Priorin dürfen sie in einem dunklen Raum, dem Parloir, durch ein Sprechgitter mit gläubigen Verwandten und Freunden reden. Wenn nicht ein schwerer Krankheitsfall es erzwingt, verlassen sie das Kloster nie.

Es kam einem Wunder gleich, daß der französische Fotograf Olivier Martel nach jahrelangem Bemühen das Vertrauen der Priorin gewinnen konnte und die Erlaubnis erhielt, im Konvent zu fotografieren. Die Frauen haben ihn ihm wohl ein Werkzeug Gottes gesehen, durch das sie einer breiten Öffentlichkeit ein Signal von ihrem verborgenen Leben, ihrer Hingabe und ihrer religiösen Leidenschaft geben sollten,

Um den Ordensschwestern auf der Stelle zeigen zu können, was er tat, arbeitete Olivier Martel zunächst mit einer Polaroidkamera. Mit seinen Bildern begegneten die Frauen nach Jahrzehnten, manche nach einem halben Jahrhundert, zum erstenmal wieder ihrem eigenen Gesicht. Alle waren sehr erstaunt, gealtert zu sein. Nicht alle erkannten sich wieder. Sie versicherten, ihnen sei, als wären sie gestern erst eingetreten.

Die Bilder bewiesen ihnen etwas, das sie selbst nicht erlebt hatten: Zeit war vergangen. Diese verlorene Wahrnehmung erklärten sie bescheiden mit ihrem gleichförmigen, genau festgelegten Tagesablauf. Aber dann lachten sie. Der Augenblick den das Polaroidfoto festhielt, war Fiktion: Die Wahrheit ist, daß Jahrzehnte ihres Lebens im Nu verfliegen, weil sie nichts anders sind als ein kurzer Moment in Gottes Ewigkeit.


Ein schwarzer Schleier fällt über eine jutebraune Tunika und führt durch einen langen Gang; ein schwarzer Schleier folgt. Der Boden ist mit roten Steinen ausgelegt, von der Art, die Spaziergänger noch heute auf den Plätzen des alten Marseille finden können. Die hohen weißen Wände sind mit den Schrifttafeln versehen. So kommt das Betreten des Klosters dem Beginn einer Lektüre gleich: „Dies ist das Haus des Herrn und die Pforte zum Himmel“. Schritte weiter: „Sühne: Rettung der Seelen, Tröstung des Herzens Jesu“: Die beschriebenen Wände sind Textseiten, die einführen in das Lebensbuch der Klostergemeinschaft.

Vor einer halbgeöffneten Tür halten Schleier und Tunika inne und umschreiben die Figur der Verneigung. Es öffnet sich der Raum zu einer weißen Kapelle. Drei Frauen knien in Gebeten versunken vor dem weißen Marmoraltar, In einer Wandnische zeigt ein silberner Schrein hinter Glas die Hostie. An der Tür vorbei steigt eine kleine Treppe hinauf zu der mit Holdielen belegten Vorhalle. Es riecht nach Weihrauch, Kerzenwachs und einem Rest von Salmiak.

Die Wände sagen: „Das Einhalten der Stille ist eine Frage von Leben und Tod für die Gemeinschaft“. Und weiter: „Seien wir nicht mittelmäßig. Niemand hat das Recht, in diesem Augenblick zu leben.“ Über der Bibliothekstür hängt ein dunkles Kreuz in den Farben der aufgemalten Wandsockel, mit den Worten: „Immer lieben, immer leiden“.

Die Tür wird geöffnet. Der Raum ist groß, hölzern und spärlich möbliert. Hinter Glas und Spanngardinen bleiben die Bücher in den wandhohen Schränken verborgen. Von der Stirnseite blicken Portraits der Ordensgründer herab. Man setzt sich.

Ein goldenes Nachmittagslicht malt Streifen auf die blankgewachsten Holzdielen. Die 68jährige Priorin, Notre Mère, Sr. Marie du Sacré Cœr beginnt: „Wir sind Jungfrauen. Wir streben danach, rein und heilig zu sein. Denn wir sind die Bräute des Herrn“. Schwester Véronique, die stellvertretende Priorin, lächelt. Die Hände der Frauen liegen unter dem braunen Skapulier, das wie ein schmales Schild vom weißen Kragen über die Tunika zu den schweren Schuhen fällt. Die „Guimpe“, die weiße Haube, die sie unter dem Schleier tragen, nimmt Hals, Ohren, einen Teil der Wangen und die Stirn samt Haaransatz weg, so daß die Gesichter streng eingefaßt sind, in ein klares Oval. Um den weißen Hals tragen sie den Strick mit Knoten, an dem der Gekreuzigte hängt.

Vor dem Fenster draußen bringt eine junge Nonne zwei Ziegen von der Weide zurück bei der alten Platane im Hof halten sie an. Während die Ziegen an ihrem Schleier schnuppern, bricht sie die lockere Rinde des Baumes ab und hält sie ihnen hin. Die Tiere greifen mit den Lippen zu, und sie streichelt ihre Nasen, während sie die holzigen Plättchen beißen.

„Wir haben“, spricht die Priorin weiter „unser Leben Gott geschenkt. Von dem Tag an, da wir ins Kloster eingetreten sind, gehört es nicht mehr uns.“ Ich blättere im Wörterbuch. „L'oblation" sagt sie, „ist ein altes Wort. nehmen sie L'offrande“. Opfergabe repetiere ich und taste ein Wortfeld ab, sich opfern, sich hingeben. Die christliche Ehe sehe für die Frau eine demütige Rolle vor. Einem Mann gegenüber sei sie dazu nicht bereit gewesen. Wenn schon, wollte sie die perfekte Hingabe, und das sei die für Gott. „Die völlige Selbstaufgabe, ganz und gar. Voilà!“

Quelle: A. Overath: Stilles Glück (kleinere Übersetzungsfehler habe ich korrigiert)

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