Sonntag, 27. Februar 2011

Seigneur, le silence est votre louange (5)

Das Kloster ist ein Haus voller Glockenschläge. Glockenzeichen erinnern an die Stunde des Gebets. Andere geben Alarm, wenn ein Lieferant oder ein Handwerker die Klosteranlage betritt. Dann greifen die Nonnen zu einem zweiten Schleier und bedecken ihr Gesicht. Jede Nonne kennt Zahl und Rhythmus der Schläge, mit denen sie selbst gerufen werden kann. Im Flur notiert eine Tafel ein Glocken-Morsealphabet für die Bewohnerinnen des weitläufigen Hauses. Untereinander kommunizieren sie mit einer etwa drei Dutzend Gesten umfassenden Zeichensprache, dem „faire signe“. Die Fingerspitzen auf den Kopf gelegt heißt: Ich suche Notre Mère; auf ein Auge gelegt: Ich suche die stellvertretende Priorin; faßt sich die Nonne an den Schleier, sucht sie die Mère Maitresse, die Novizenmeisterin; faltet sie die Hände, geht sie zur Anbetung in die Kapelle; kreuzt sie die Finger, ist sie auf dem Weg zum Parloir. Sie gibt auch ein Zeichen, wenn sie die Toilette aufsucht, dann faßt sie sich an die Stirn.

Das „faire signe“ überzieht die Gemeinschaft der Nonnen mit einem lautlosen Netz ständiger gegenseitiger Aufmerksamkeit, die jedoch nicht Gefahr läuft, in die Eigendynamik eines Gespräches zu geraten. Die gesprochene Sprache des Klosters ist das im Brevier fixierte Gebet, das Psalmodieren auf einer Note oder die laute Lektüre geistlicher Texte etwa während des Mittagessens. Was nach den Mahlzeiten, und den kurzen Erholphasen, der „Récréation“ gesprochen wird, ist ein von der Priorin angeleitetes Sprechen in der Gruppe. Das Klosterleben ist so durchstrukturiert, daß in ihm Sprache als Ausdruck eines Individuums keine – zumindest keine wichtige – Funktion haben soll. Eine Schrifttafel sagt: „Die stille Seele hört Gott.“ Höflich, um Gott nicht zu unterbrechen, schweigen die Nonnen.

Ich war ohne Aufnahmegerät gekommen und hatte mir vorgenommen, zu Beginn meines Aufenthalts nicht mitzuschreiben, um die Lebensform der Frauen nicht zu stören. Aber Notre Mère befand durchaus, daß eine Journalistin mitschreiben solle. Ihre Geduld mir gegenüber habe ich als eine ihrer Bußübungen verstanden.


Tag für Tag unterwerfe ich mich dem Ritual des Einlasses in den Konvent. Von der Besucherzelle bei Madeleine, der weltlichen Gehilfin der Schwestern, die mit dem Hausmeisterehepaar Nougier im alten Mönchsflügel wohnt, komme ich herüber an die hohe Tür, die in den inneren Bereich des Frauenklosters führt. Hier muß die Glücke gezogen werden. nach Minuten des Wartens öffnet sich durch Kettenzug die etwas abseits liegende Tür ins Parloir. Vor dem eigentlichen Gitter ist eine schwarzer Winde in die Wand eingelassen. Sie dient, mit Sichtschutz, als Durchreiche für die Post und die Geschenke der Gläubigen aus der Nachbarschaft – ein Brot, eine Flasche Öl, ein gebrauchtes Paar Schuhe gegen ein Gebet.

Ich gewöhne mir an, laut in das runde Schwarz zu sprechen, jedesmal erleichtert, wenn tatsächlich Sr. Marie Ange de Gethsémané antwortet. Sie ist die innerklösterliche Pförtnerin und für die Kontakte am Parloir zuständig. Ich bitte um Einlaß: Gelobt sei Jesus Christus. Ainsi soil-il! In Ewigkeit, Amen. Ich verlasse den dunklen Raum um draußen vor der Konventstür wiederum zu warten, bis schließlich nach einigen Minuten das Geräusch von vier sich öffnenden Schlössern die Priorin und Schwester Véronique ankündigt. Der schwarze Schleier der Priorin führt, der schwarze Schleier Sr. Véroniques folgt: Ich habe im Kloster keinen Schritt ohne Aufsicht getan.
Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...