Montag, 28. Februar 2011

Berufungsgeschichten – Sr. Marie Jacinthe vom unbefleckten Herzen


Die Frauen kommen zum Gebet zusammen. An der Kapellentür taucht die erste zwei Fingerspitzen in das Weihwasserbecken und gibt es den Fingerspitzen der nächsten Schwester weiter. Die dritte Schwester taucht die Finger in das Becken und gibt den Tropfen der vierten weiter Die fünfte gibt der sechsten. Zu zweien betreten sie den heiligen Raum, knien synchron vor dem Altar, küssen die Holzdielen des Bodens, stehen auf, verbeugen sich gegeneinander. Ihre Bewegungen sind langsam und fließend. Ein Attribut kommt ihnen zu, welches das Französische in eine einzige Vokabel faßt: „grace“. Die deutsche Sprache differenziert hier: Dank und Anmut und Gnade.

Alle diese Frauen sind Töchter und Geschwister, waren Freundinnen und Schülerinnen. Einige haben studiert, andere arbeiteten in Büros, manche sind Lehrerinnen gewesen oder haben auf dem elterlichen Hof mitgeholfen. Nun sind sie nichts mehr von alledem; sie sind Bräute Jesu Christi, dem sie sich täglich unterwerfen. „Ich bitte dich um Verzeihung, ich bete dich an, ich liebe Dich“. Sie beten auf den Knien, die geschlossenen Augen dem Altar zugewandt, die Hände gefaltet. Bis sie aufstehen, um sich auf das herunterklappbare Holzbrett ihres Gebetstuhls zu setzen. Die Priorin nimmt ein Stundenglas und dreht es um: Sand rieselt. Die nächste Viertelstunde verharren die Frauen in regungsloser Meditation.

Gegen Ende der vierzehn Tage, die ich hier verbrachte, war es mir möglich, Interviews mit einigen der Frauen zu führen. Diese Gespräche waren vorbereitet und fanden in Anwesenheit der Priorin und Sr. Véroniques statt.

Sr. Marie Jacinthe du Cœr Immaculé ist die Jüngste. Wer sie samstags sieht, wenn sie mit der hohen Leiter auf den Altar steigt und von dort, auf den Zehenspitzen balancierend, mit dem Wedel die Schnitzereien des hölzernen Baldachins abstaubt, der ahnt, warum es praktisch ist, wenn die jungen Nonnen gleich nach dem Noviziat in der Sakristei helfen. Sr. Jacinthe ist 28 Jahre alt; seit vier Jahren lebt sie den strengen Alltag eines Opfers. Ihre „vocation“, die göttliche Berufung in den Stand der Nonnen, war ihr nicht spektakulär vorgekommen. Etwas wachse in einem. Sie habe lange nicht gewußt, ob Gott wirklich wolle, daß sie in ein Kloster käme. Sie sei sehr lebhaft gewesen, ein junges Mädchen in Marseille, wie andere auch. Aber wenn Gott einen rufe, ändere man sich, wie dann im Kloster übrigens auch, sehr schnell.

Als sie 16 oder 17 Jahre alt war, habe sie etwas in sich gespürt, das sei so schön gewesen und ihr so kostbar erschienen, daß sie es um keinen Preis habe verlieren wollen. In der Welt – das ahnte sie – würde sie sich diese Liebe nicht bewahren können. Sie wußte nicht, wohin sie gehen solle. Ein Priester nannte ihr die Adresse der Opfer. Ihre Tante, Schwester in einem moderneren Orden, riet ab: „Willst du in einer Tracht herumlaufen wie im Mittelalter? Das dort ist die Religiosität des 19. Jahrhunderts, das hat mit unserer Wirklichkeit nichts zu tun.“
Sie kaufte sich einen Stadtplan von Marseille und suchte die Rue Levat. Am Sprechgitter hörte sie das Lachen der Priorin und die sanfte Stimme Sr. Véroniques. Durch die Winde nahm sie Bücher entgegen. Sie informierte sich über andere Orden, erwog eine missionarische Gemeinschaft. Als einmal unvermittelt die Stimme der Priorin am Gitter fragte: „Wo willst du nun eintreten?“, habe sie „hier“ geantwortet. Zu Hause sagte die Mutter kein Wort, der Vater weinte.

Quelle: A. Overath: Stilles Glück

Aus einer zeitlichen Distanz von mehr als zwanzig Jahren betrachtet, finde ich die Entschiedenheit und Stärke dieser jungen Schwester bemerkenswert. Gegen den Rat ihrer Tante hat sie gerade dieses Leben gewählt, zu einer Zeit, in der die Entscheidung für einen solchen Orden noch wesentlich „unpopulärer“ war (den siebziger und achziger Jahren). Sr. Gemma Hinricher OCD hat dazu einmal angemerkt, daß junge Leute „oft lieber etwas Radikales tun“.

Kommentare:

jos.m.betle hat gesagt…

Gratulation!
Siehe dort:
http://www.summorum-pontificum.de/

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für den Hinweis. :)

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