Dienstag, 28. Dezember 2010

Die wunderbare Reise der kleinen Jungfrau mit dem Nachtbus

Gestern habe ich es absichtslos fertiggebracht, die letzte U-Bahn zu verpassen. Irgendwie dachte ich, die fahren länger, allerdings war ich schon ewig nicht mehr so spät unterwegs. Jedenfalls stand ich da nun JWD, mitten in Dahlem, in eisiger Kälte, außerdem gabs jede Menge Neuschnee, der sämtlich in der Zwischenzeit gefallen war, und nichts ging mehr. Was nun, wenn einem auf beiden Bahnsteigen ein „Out of service“ entgegenblinkt? Von Dahlem nach Rixdorf laufen ist indiskutabel, jedenfalls bei diesem Wetter. Ja, wenn es eine laue Sommernacht gewesen wäre! Außerdem ließ eines meiner Stiefelchen nach dem Durchwaten halbmeterhoher Schneewehen offenbar Wasser durch. (Ich habe übrigens beschlossen, jeden Winter etwas anderes zu inszenieren. Letztes Jahr war ich Rotkäppchen, dieses Jahr gebe ich eine Figur aus Anatevka: Kleid, Stiefelchen, Muff und Babuschka-Wolltuch.)

Taxen waren kaum unterwegs, auch hätte ich gar kein Geld für ein Taxi. An sich war überhaupt kaum jemand unterwegs, anscheinend hatte der Rest der Welt genug Verstand, bei dem Wetter zu Hause und im Bett zu bleiben. Glücklicherweise habe ich an der Bushaltestelle ein paar junge Leute stehen sehen, der Nachtbus wäre mir nämlich sonst überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Später habe ich mir ausgerechnet, daß ich, glaub ich, seit mindestens zwölf Jahren nicht mehr mit dem Nachtbus gefahren bin.

Der Bus kam sogar (wir befürchteten nämlich, er käme wegen des Wetters nicht) und sogar pünktlich. Chapeau – die BVG arbeitet wirklich unter widrigsten Bedingungen! Drinnen saßen zwei überaus fürsorgliche Busfahrer, die mir eine komplette Strategie für die Heimreise entworfen haben, mit Angabe, wo die nächste Haltestelle zu finden sei. Am ersten Umsteigepunkt war der Bus gerade weg, weshalb der Fahrer mich nicht aussteigen lassen wollte, sondern lieber zum Kuhdamm mitnahm. Das war gut gemeint, die darauffolgende Fahrt mit dem N29er über Stock und Stein kreuz und quer durch die Innenstadt erinnerte mich allerdings dann doch sehr an die Fahrten mit dem „Fahrenden Ritter“ aus Harry Potter, sowohl von den Einsteigenden als auch vom Fahrgefühl her. Nur schade, daß mich dieser Bus nicht mit einem Knall an den Zielort befördern konnte! Nun ja, don't be so choosy, und reisekrank wurde ich dankenswerterweise auch erst auf den letzten beiden Haltestellen.

Beim letzten Umstieg geriet ich dann leider an einen Busfahrer, der mich ums Haar bei circa -17° C an der Haltestelle hätte stehen lassen, weil ich mich angeblich nicht so ausgedrückt habe, daß er verstehen konnte, wohin ich genau wollte (er hielt lediglich an einer Haltestelle wenige Meter von meinem Ziel entfernt. Ja, das ist natürlich etwas komplett anderes!) Macht aber nichts, ich war nur noch zwanzig Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt, zur Not hätte ich also laufen können. Jedenfalls bin ich immer noch von aufrichtiger Bewunderung erfüllt, daß diese abenteuerliche Heimreise in Eis und Schnee möglich war, ohne Geld und in nur andertdreiviertel Stunden.

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