Freitag, 15. Oktober 2010

Hl. Theresia von Jesus (von Avila) – der Weg zur Vollkommenheit






Glasfensterzyklus über das Leben der Heiligen im Convento de Sta. Teresa in Avila

Teresa von Avila (Teresa von Jesus) geboren 1515, gestorben 1582, wird auch die große heilige Theresia genannt. 1562 gründete sie, die siebenundzwanzig Jahre zuvor in den Karmel von der Menschwerdung in Avila eingetreten war, das erste Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen. In der Folge gründete sie noch sechzehn weitere Klöster für Karmelitinnen und zwei für Brüder, worüber sie im Buch der Klostergründungen schreibt. Teresas Reformen betonten stark das innere Gebet und dessen Vorrang, das eremitische Leben im Schweigen, zu dem aber das Leben in einer Gemeinschaft von nicht mehr als 21 Schwestern, die gemeinsamen Mahlzeiten und die zweimalige tägliche Rekreation ein Gegengewicht bilden. Im fürbittenden Gebet bringen die Karmelitinnen die Sorgen, Ängste, Nöte und Leiden vor Gott.

Die Gottesbeziehung der hl. Teresa ist stark vom Gefühl der Freundschaftlichkeit geprägt – wir sollen oft zu Gott sprechen, vertrauensvoll wie mit einem Freund. Der Weg zur Vollkommenheit heißt eines ihrer bedeutendsten Werke, und doch ist sie sich ihrer eigenen Unvollkommenheit oft schmerzlich bewußt. Sie weiß aber, wie sie schreibt, keinen anderen Weg, die Tugend zu erlangen, als es immer weiter zu versuchen:

Ich habe geradezu Angst, mein Herr, und zwar aus vielerlei Gründen, daß du mich erneut verlassen könntest, denn ich weiß sehr gut, wie weit meine Kraft und geringe Tugend reichen, wenn du mir sie nicht immer wieder gibst und mir hilfst, dich nicht zu verlassen. Ich weiß nicht, wie wir überhaupt noch leben wollen, da doch alles so unsicher ist. Dabei schien es mir schon unmöglich, mein Herr, dich gänzlich aufgeben zu können; da ich dich aber schon so oft verließ, kann ich nicht aufhören zu fürchten, daß ich sofort wieder zu Boden stürzen würde, wenn du dich auch nur ein bißchen entferntest. Gepriesen bist du für immer, da du mich niemals ganz und gar verlassen hast, so daß ich mich nicht wieder hätte erheben können, obwohl ich mich von dir abwendete. Immer hast du mir deine Hand entgegengestreckt, ich aber, mein Herr, habe sie oftmals noch nicht einmal gewollt, noch wollte ich verstehen, wie du mich immer wieder von Neuem gerufen hast.


Unser tägliches Brot gib uns heute!

Die Bitte um tägliches Brot heißt, wie es scheint, so viel, als: für immer! Ich habe darüber nachgedacht, weshalb der Herr, nachdem er gesagt: täglich, noch einmal sagt: heute. Ich will euch meinen ungeschickten Einfall vortragen. Wenn es ein bloßer Einfall ist, so mag er es bleiben; wie es ohnehin eine große Torheit ist, daß ich mich auf solche Dinge einlasse. Täglich ist, meines Erachtens, deshalb gesagt, weil wir nicht nur hier auf Erden besitzen, sondern auch im Himmel besitzen werden, wenn wir uns hier die Teilnahme daran zu Nutzen machen. Denn er blieb aus keinem andern Grunde bei uns, als um uns zu helfen, uns zu ermutigen und uns zu unterstützen, auf daß der Wille, von dem wir gesagt haben, an uns zum Vollzuge gebracht werde.

Die Seele wird, wie sie nur immer zu essen begehrt, im allerheiligsten Sakramente Erquickung und Trost finden. Es gibt keine Not, keine Trübsal, keine Verfolgung, die nicht leicht zu ertragen ist, wenn wir einmal an seinem Leiden einen Geschmack finden.

Bittet, meine Töchter, vereint mit diesem Herrn den Vater, daß er euch heute den Bräutigam lasse, damit ihr in dieser Welt nicht ohne denselben seid. Zur Mäßigung einer so großen Freude bleibt er in die äußern Gestalten des Brotes und Weines verkleidet was eine genugsame Qual für den ist, der sonst Nichts hat, was er liebe oder was ihn in dieser Welt tröste. Aber bittet ihn, daß er euch nicht im Stiche lasse und euch zubereite, ihn würdig zu empfangen. Ihr, die ihr euch wahrhaft in den Willen Gottes ergeben habt, dürftet für anderes Brot nicht sorgen;

So, meine Schwestern, mag Jeder, der da will, Sorge tragen, um das tägliche Brot zu erbitten; wir aber wollen den ewigen Vater bitten, daß wir würdig werden, um unser himmlisches Brot zu bitten. Können auch unsere leiblichen Augen sich nicht daran erfreuen, dasselbe zu schauen, weil er noch verhüllt ist, so mag es sich doch dem Blicke der Seele zeigen und sich als die himmlische Nahrung voll Freude, Süßigkeit und Kraft zur Erhaltung des Lebens uns erweisen.

Glaubt ihr nicht, daß diese heilige Speise auch Nahrung für diesen Leib ist, und eine wirksame Arznei auch gegen leibliche Krankheiten? …

Da er noch auf Erden wandelte, heilte die bloße Berührung seiner Kleider die Kranken. Darf man nun zweifeln, daß er auch bei seiner Gegenwart in uns Wunder tun werde, wenn wir je einen lebendigen Glauben haben? Gewiß gibt er uns bei seiner Einkehr in unser Haus, um was wir bitten werden. Seine Majestät kann die Herberge nicht schlecht belohnen, wenn man ihn wohl bewirtet hat. Wenn es euch weh tut, ihn nicht mit den leiblichen Augen zu sehen, so bedenket, daß uns dies nicht zuträglich ist; denn es ist etwas Anderes, ihn in seiner Herrlichkeit, als in seinem Erdenwandel zu schauen. Es würde niemand im Stande sein, jenes Schauen bei unserer schwachen Natur zu ertragen; wäre es aber möglich, dann gäbe es keine Welt und niemanden mehr, der in ihr bleiben möchte; denn das Schauen der ewigen Wahrheit würde deutlich zeigen, daß alles, was wir hienieden hochachten, Lüge und Täuschung ist. Wie sollte nun aber eine arme Sünderin wie ich, welche ihn so sehr beleidigt hat, den Anblick einer so großen Majestät in der Nähe ertragen? Unter der Gestalt des Brotes aber läßt sich mit ihm verkehren; denn wenn ein König sich verkleidet, so haben wir, wie es scheint, das Recht, mit ihm ohne viele Umstände und Rücksichten zu verkehren; wir dürfen glauben, er sei verpflichtet, manches zu leiden, da er sich eben verkleidet hat. Wer würde es sonst wagen, bei solcher Lauheit, so unwürdig und bei so vielen Unvollkommenheiten ihm zu nahen? Da wir nicht wissen, was wir begehren (wenn wir ihn sehen wollen), so hat seine Weisheit besser auf uns Rücksicht genommen; denn wo er sieht, daß es zum Heile gereicht, da offenbart er sich den Seelen; und wenn sie ihn auch mit den leiblichen Augen nicht sehen, so hat er noch vielerlei Weisen, sich ihnen zu offenbaren durch große innere Empfindungen, aber auf verschiedenen Wegen.

Seid gerne bei ihm, und versäumt die gute Gelegenheit nicht, wie die Stunde nach der Kommunion ist, um mit ihm zu verkehren. Bedenket, daß dieses ein großer Gewinn für die Seele ist, und der gute Jesus sich dieser Gelegenheit häufig bedient, damit ihr ihm Gesellschaft leistet. Nehmt euch sehr in Acht, meine Töchter, dieselbe nicht zu verlieren, wenn nicht etwa die Pflicht des Gehorsams euch etwas anderes auferlegt; befleißet euch, eure Seele bei dem Herrn zu lassen. Er ist euer Lehrer, und wird nicht aufhören euch zu belehren, wenn ihr ihn auch nicht versteht. Wenn ihr die Gedanken gleich nach andern Seiten richtet und nicht mit Aufmerksamkeit auf den sehet, der in euch ist, dann dürft ihr euch nachher nur über euch selbst beklagen. Diese Zeit (nach der Kommunion) ist sehr passend, um von unserm guten Lehrer unterrichtet zu werden, um ihn zu hören und ihm die Füße dafür zu küssen, weil er uns lehren will, und ihn zu bitten, daß er von uns nimmermehr weiche.

Nachdem ihr den Herrn (in der Kommunion) empfangen, ist er persönlich bei euch. Bemühet euch, nun die Augen des Leibes zu verschließen und die der Seele zu öffnen, und in das Innerste des Herzens hinein zu sehen! Ich sage euch (und sage es euch nochmals und möchte es vielmals sagen), wenn ihr diese Gewohnheit jedes Mal, so oft ihr zur heiligen Kommunion geht, beobachtet, und euch auch bemüht, ein reines Gewissen zu haben, dann werdet ihr dabei den köstlichsten Genuß haben. Der Herr wird sich euch nicht verhüllen; er wird sich euch offenbaren, gemäß euerm Verlangen, ihn zu schauen, auf mancherlei Weise; euer Verlangen kann so groß werden, daß er sich euch völlig enthüllt.

Und so erweist er uns allen eine große Barmherzigkeit; denn seine Majestät will, daß wir begreifen, Er sei es, der im heiligsten Altarsakramente gegenwärtig ist. Enthüllt zeigt er sich und seine Wunder und Schätze nur denen, von denen er weiß, daß sie ein großes Verlangen nach ihm haben; denn diese sind seine wahrhaften Freunde.
(Der Weg der Vollkommenheit, 34. Kapitel)

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