Dienstag, 12. Oktober 2010

Brüder! (und Schwestern!)

Der Herr Diakon Alipius rief ja neue „Wochos“ aus. BTW: wie spricht man einen Diakon eigentlich an? So wirklich habe ich es das noch nicht herausgefunden. Ich kann sie doch nicht alle „Herr Diakon“ nennen – obwohl, bei „Herr Pfarrer“ etc. geht das ja auch. Mein Leib-und-Magen-Lektor – so genannt, weil er wirklich gut liest – hat sich angewöhnt, mich „Ehrwürdige Frau“ zu nennen – und nun… bin ich endgültig vom Thema abgekommen.

Das Thema war EC – was hier für „ecclesiastical correctness“ steht. Wie ich schon einmal ausgedrückt habe, gehen mir die ewigen -innen auch in der Liturgie manchmal gehörig auf den Keks. Allerdings oute hier mich hier mal: ich bin kein Bruder und auch kein Sohn oder Vetter (was mich sämtlich nicht hindert, im Stundengebet „Ich bin ja dein Knecht, der Sohn deiner Magd“ zu singen, und nicht etwa „Ich bin ja deine Magd, die Tochter deiner Knechtin“ oder etwas ähnliches).

Auch kann ich nichts Schlimmes dabei finden, wenn die Gemeinde mit „Brüder und Schwestern“ – nicht, wie mir einmal passiert, mit „Brüder oder Schwestern“[1] – angesprochen wird. Man muß keine Obsession oder auch Überkompensation aus der Tatsache machen, daß Herr Dr. Martin Luther das griechische Adelphoi mit „Brüder“ übersetzt hat.

Unfreiwillig komisch wird es immer dann, wenn in einer Lesung eindeutig Männer angesprochen sind – heute abend ist es wieder soweit – und der Lektor unversehens nach der Anrede „Schwestern und Brüder“ bei „Wenn ihr euch beschneiden laßt, wird Christus euch nichts nützen“ herauskommt. Dies mag allerdings dem Umstand geschuldet sein, daß manche Lektoren sich schon fast notorisch davor hüten, sich die Lesung vorher einmal anzuschauen. Erst jüngst wieder erlebt: Lektor einer durchreisenden Gruppe, zum Küster: „Sagen Sie mir einfach, wo es steht!“ (Ahem, das sollltest du eigentlich selbst wissen…) Dementsprechend fiel die Lesung dann auch aus.

Dann gibt es noch die Lieder im GL, bei denen aus den „Brüdern“ „Menschen“ oder „Geschwister“ – oder was beißt mich – geworden sind. Hier ist mir schleierhaft, wieso man sich darüber erregen kann, ich kann es jedenfalls nicht, weder über das eine noch über das andere. Wenn wir keine anderen Sorgen haben… In dem Xangbuch, das ich in der Messe habe, ist übrigens nichts überklebt; es geht damit aber trotzdem ganz gut. Wenn ich gedanklich eher bei einem Dienst anstatt beim Lied bin, singe ich auch schon mal aus Gewohnheit „Laßt uns loben, Brüder, loben“ – macht auch nichts. Diejenigen, die allerdings dieser Stelle absichtlich extralaut „… Brüder, loben!“ brüllen, so daß die Umsitzenden sich erschrecken, sind mir leicht suspekt.

Skurriles am Rande: in einem mir bekannten Kloster, einer Schwesterngemeinschaft, sang man, bevor an dieser Stelle „freudig“ in den Gesangbüchern auftauchte, einfach „Laßt uns loben, Schwestern, loben“, weil es das natürlichste erschien, zumal es Gebetszeiten gab, bei denen kein Mann anwesend war. Prompt hat sich jemand beschwert, eine Frau übrigens.

Und jetzt achten wahrscheinlich alle darauf, wo man sich heute in unseren Gemeinden an die beschnittenen – oder auch unbeschnittenen – Schwestern wendet.

_____
[1] als der Herr Pfarrer zufällig davon hörte, schlug er mir „Liebe durchgegenderte Gemeinde“ vor. :D

Kommentare:

Sarah hat gesagt…

Also ich kenne das eher so, dass "freudig" gebrüllt wird, aber bei uns wurde ja auch immer "christliche oder allgemeine" Kirche im Glauben bekannt. Ich habe das Lied als Kind gelernt und finde es tatsächlich bescheuert jetzt einen anderen Text singen zu sollen. Ich halte mich für emanzipiert genug mich zu den Brüdern zu zählen. Heute morgen hatte ich zwei Kinder mit in die Messe genommen und da fand ich es allerdings toll, dass der Priester nach "Schwester und Brüder" nach einer kurzen Pause "und Kinder" nachsetzte.

Braut des Lammes hat gesagt…

Jo mei, nun sind die "Brüder" ja nicht in Stein gemeißelt oder auf einem Konzil beschlossen worden – also einen Unterschied zu jemandem, der einfach das Glaubensbekenntnis umformuliert, sehe ich da schon.

Alipius hat gesagt…

Bei dem an die Brüder und Schwestern gerichteten Beschneidungssatz mußte ich dann doch mal kurz vom Stuhl fallen (** grins **)

Sarah hat gesagt…

Oups, das wollte ich auch nicht gleichstellen :-)) Trotzdem bleib ich bei Brüder in dem Lied :-))

Imrahil hat gesagt…

Das Problem ist ja nicht, daß man nicht "freudig loben" könnte. Das Problem ist nur, daß einem der Feminismus auf die Nerven geht. Was ich gut verstehen kann.

Natürlich ist auch die Kontraposition nur allzu gut legitimiert: "Man hat das zu beten, was die Kirche einem zu beten vorlegt, die Kirche legt einem das Gotteslob in der gegenwärtigen Fassung vor, und Schluß." Daß allerdings Gehorsam keinen Spaß macht, sofern man den Grund des Befehls nicht kennt bzw. - ich unterstelle der Kirche keinen Feminismus, aber, sagen wir mal, Appeasement an derartige gesellschaftliche Strömungen ist ja offensichtlich - ablehnt, dürfte ebenso klar sein. Und es ist auch nicht so ganz klar, ob das eigentlich im eigentlichen Sinn befohlen worden ist. Immerhin bete ich in einer englischen Messe auch das Suscipiat auf deutsch und zwar deswegen, weil ich es auf Latein nicht kann.

Was die Lesungen betrifft, bin ich auch für "Schwestern und Brüder" am Anfang, weil das eh kein biblischer Text ist. Im Text allerdings sollte man doch beim griechischen Maskulinum bleiben.

Was aber schade wäre, wenn die Idee der Adoptivsohnschaft ("uns zu seinem Volke zählt", das ist weniger) gänzlich aus dem Liedgut verschwände. Oder was einem doch außerordentlich schade vorkommt, wenn man bei einem Lied, das man selbst nur noch in der Form "daß wir durch dich den Weg zum andern finden" kennt, es schon irgendwie komisch findet, daß man zu Gott will, um zum Nächsten zu gelangen, statt umgekehrt. Und dann anhand von dem, was ältere Leute da singen, vermuten muß, daß das ursprünglich "zum Vater" geheißen hat.

Ach ja, ganz humorloserweise: Ebenso wie die Brüder die Schwestern einschließen, schließt die Beschneidung natürlich das "wenn das Kind jetzt ein Bub wäre, würden wir es beschneiden" ein. Insofern hat euer Lektor zwar einen Lacher produziert, aber den Sinn nicht verändert.

Braut des Lammes hat gesagt…

Imrahil, er hätte ihn aber auch nicht verändert, wenn er nur "Brüder," gelesen oder die Anrede weggelassen hätte.

Vielleicht ist meine Position in Bezug auf das "Laßt uns loben…" nicht ganz deutlich geworden: mir ist eigentlich einerlei, ob wir als "Brüder", "Schwestern" oder "freudig" loben – es widerstrebt mir, wenn man einen Fetisch daraus macht. Und ob die Kirche nun freudig lobt, weil sie sich gesellschaftlichen Strömungen anpassen will oder ausdrücken möchte, daß etwa die Hälfte der Menschheit eben aus Schwestern besteht, vermag ich nicht zu sagen. Als Speerspitze des Feminismus kann ich es jedenfalls nicht sehen.

Änderungen, die in den Sinn eingreifen, bei denen Gott dann auf einmal kein Vater, Christus kein Mann oder Maria keine Jungfrau mehr sein darf, erscheinen natürlich in einem ganz anderen Licht.

Imrahil hat gesagt…

Natürlich soll man keinen Fetisch daraus machen, das dürfte schon klar sein. Allerdings kann ich mir ein paar von den von Dir geschilderten Verhaltensweisen auch einfach daraus erklären, daß sich jemand gerade bewußt ist, von der Norm abzuweichen, ganz ohne daß er irgendwie die Absicht hätte, die Abweichung selbst zu fetischisieren.

Ach ja, schlagen wir doch der SPD mal vor, "freudig zur Sonne zur Freiheit" zu singen...

Ja und richtig, Maria und Jungfrau und so, beim ökumenischen Weihnachtsschulgottesdienst in der katholischen Kirche entgegen dem Textblatt in der reinen katholischen Fassung gesungen, auf dem Textblatt stand die reine evangelische. Gar nicht protestmäßig, einfach weil mir die besser gefällt. Wo ich übrigens auch die Zustimmung einer guten evangelischen Freundin von mir gekriegt habe, die neben mir saß.

Imrahil hat gesagt…

das gemeinte Lied war "Es ist ein Ros entsprungen", das gehört da rein, ist mir aber irgendwie untergegangen.

Da war aber außer dem "schöneren Text", wie ich zugeben muß, schon auch noch das Gefühl: äh ich bin fei katholisch dabei.

Ich kann die Ministranten früherer Zeiten sehr gut verstehen, die bei der Fronleichnamsprozession vor der evangelischen Kirche einen extragroßen Löffel voll Weihrauch aufgelegt haben.

medioinmundo hat gesagt…

Ich bin vielleicht die einzige Schwester, die die Epistellesungen mit "Brüder!" beginnt. Seit sich eine ältere Dame aus meiner früheren Gemeinde (aus der Zeit kennst Du mich) beschwerte, dass sie früher dafür gekämpft habe, dass man "Brüder und Schwestern" oder "Schwestern und Brüder" sagen dürfe, und deshalb hätte ich das jetzt auch so zu machen, habe ich mich um Epistellesungen meist herumgedrückt. Ich bin es nämlich gewöhnt, das zu lesen, was im Lektionar steht. Allerdings mache ich auch kein Dogma daraus, ich mag mich nur nicht von einer bestimmten Sorte von Menschen belehren lassen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Medioinmundo – eine solche Ansprache hätte ich auch beknackt gefunden.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...