Freitag, 1. Oktober 2010

Ich wähle alles – Hl. Therese vom Kinde Jesus und vom hl. Antlitz


In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist im Himmelreich der Größte? Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf. (Mt. 18, 1-5)
Die hl. Therese war die jüngste von fünf Töchtern einer frommen katholischen Familie. Die Töchter der Familie Martin traten eine nach der anderen in den Karmel von Lisieux ein, als dritte Therese am 9. April 1888, als sie gerade 15 Jahre alt war. Am 8. September 1890 legte sie die feierliche Profeß ab. In dem der Profeß vorangehenden Skrutinium gab sie als Grund für ihren Eintritt in den Karmel an, sie wähle diesen Beruf, um mehr zu leiden und dadurch mehr Seelen für Christus zu gewinnen. „Ich bin gekommen, um Seelen zu retten und besonders für die Priester zu beten.“

Der Karmel ist Ort der Gottesbegegnung und zugleich der Fürbitte für die Welt. Man tritt hier ein, um sein Leben dem Gebet, dem Opfer und der Sühne zu widmen. Die Stille und die strenge Klausur inmitten der Stadt sind dabei ein Ersatz für die Einsamkeit der Wüste.

Die Stunden des Tages im Karmel verteilen sich zum größten Teil gleichmäßig auf das Gebet – je eine Stunde am frühen Morgen und am Abend sind dem inneren Gebet gewidmet – und handwerkliche Arbeit, die wo immer möglich, allein und in der Zelle verrichtet werden soll. Zweimal am Tag treffen sich die Schwestern zur einer halbstündigen gemeinschaftlichen Rekreation (Erholungszeit). Dabei sitzt man im Kreis und beschäftigt sich mit Handarbeiten, die aber nicht von der allgemeinen Unterhaltung ablenken dürfen. Die Karmelitinnen ernähren sich fleischlos, in der Zeit von Kreuzerhöhung bis Ostern verzichteten sie außerdem auf Milchprodukte und Eier. Sie besaßen nur ein Ordensgewand aus grober Wolle für den Sommer und den Winter, der einzige Unterschied zwischen den Jahreszeiten stellte ein Unterhemd dar, in das man Ärmel einnähen konnte. Zu Zeiten der hl. Therese wurde das Kloster nicht geheizt, im Winter waren die Wände der Zellen mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Das Lager bestand aus einer Holzpritsche mit einem Strohsack darauf. Diese Lebensweise der Karmelitinnen nannte Therese selbst „ein Leben des Todes“.



Da es ihr nicht gegeben war, große Taten zu vollbringen, wollte sie selbst die kleinsten mit Liebe erfüllen. So nahm sie jede Gelegenheit wahr, Gott im Verborgenen ein Opfer zu bringen. Sie beschwerte sich nie über das Essen, so daß man ihr oft die letzten Reste zuschob. Als sie fälschlich beschuldigt wurde, eine Vase zerbrochen zu haben, bat sie auf Knien um Verzeihung.
Ich hatte begriffen, daß es der Stufen viele in der Heiligkeit gibt, daß es jeder Seele freisteht, wie sie auf die Werbung unseres Herrn Antwort geben will, viel oder wenig für seine Liebe zu tun: in einem Wort, unter den Opfern, die er verlangt, zu wählen. Und wie in den Tagen meiner Kindheit habe ich ausgerufen, „Mein Gott, ich wähle alles!“
Im Januar 1889 fügte Sr. Therese vom Kinde Jesus ihrem Ordensnamen das Attribut „und vom heiligen Antlitz“ hinzu. Es ist ein wunderbares Paradoxon, daß eine der größten und bekanntesten Heiligen, die die katholische Kirche hervorgebracht hat, in der Verborgenheit der Klausur des Karmels von Lisieux* gelebt hat. Wegen ihrer großen Liebe zu den Seelen erhob die Kirche die kleine Karmelitin zur Patronin der Weltmissionen und zur Kirchenlehrerin (Doctor amoris – Lehrerin der Liebe).

Es mag auch zu denken geben, daß sie, die eine besondere Verehrung für das heilige Antlitz hatte, ihr eigenes wahres Antlitz sogar vor denen weitgehend verborgen hielt, die sie eigentlich am besten hätten kennen sollen. Gegen Ende ihres kurzen Lebens sagten ihre Mitschwestern von ihr:
„Eine liebe kleine Schwester, sehr nett und freundlich, sehr brav und gewissenhaft, doch durchaus nichts Besonderes. Sie hatte nichts zu leiden und war eher unbedeutend. Was wird unsere Mutter in ihrem Nekrolog schreiben können? Sie trat bei uns ein, lebte und starb. Sonst ist wahrhaftig nichts zu bemerken. Tugendhaft, gewissenhaft, aber das ist ja kein Kunststück, wenn man eine so glückliche, unbeschwerte Natur hat, keine Charakterschwierigkeiten kennt, die Tugend nicht durch Kämpfe und Leiden zu erringen brauchte.“
Eine andere:
„Ich kann nicht verstehen, warum man so ein Wesen um Schwester Therese macht, sie tut doch nichts Bemerkenswertes, man sieht sie nicht die Tugend üben, und man kann deshalb nicht einmal behaupten, daß sie eine wirklich gute Ordensfrau ist.“

Hinter einem Schleier der Unbeschwertheit verbarg Therese die vielen kleinen Opfer, die sie im Verborgenen brachte, auch die Tatsache, daß sie nachts in ihrer eiskalten Zelle erbärmlich fror (sie erbat sich niemals eine weitere Decke), innere Trockenheit beim Gebet – oft schlief sie zu ihrer Beschämung bei der gemeinschaftlichen Meditation ein – und die ausbrechende Erkrankung an Lungentuberkulose, die sie so lange wie irgend möglich verbarg. Noch die Übungen der Karwoche im Jahr ihres Todes machte sie auf ihren eigenen Wunsch hin ohne Erleichterung mit. Am Morgen des Karfreitags spuckte sie Blut. Am Nachmittag putzte sie nach den langen Stunden im Chor im eiskalten Kreuzgang des Klosters die Fenster.

Am 30. September 1897 um halb acht Uhr am Abend starb Sr. Therese nach einem kurzen schweren Todeskampf. Eines ihrer letzten Worte: „Ich bereue es nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben.“



Therese versprach, daß sie nach ihrem Tode Rosen auf die Erde regnen lassen würde. In der Tat ist sie eine machtvolle Fürsprecherin. Thomas Merton beschreibt, wie er versuchte, sich darüber klar zu werden, ob es seine Berufung sei, bei den Trappisten in Kentucky einzutreten und wandte sich im Gebet an die heilige Therese. Daraufhin geschah etwas, das man wahrscheinlich als Erscheinung ansehen kann. Er wurde Trappist und versprach der hl. Therese, „ihr Mönch“ zu werden. Sein Bruder John, der die Vorbereitungen auf seine Taufe bis dahin nur halbherzig betrieben hatte, las später die Geschichte einer Seele in einem Zuge durch und bereitete sich von da an mit großer Ruhe und Freude auf die Taufe vor. Kurze Zeit später fiel er im zweiten Weltkrieg.

Und auch mit meiner Berufung hat die kleine heilige Therese zu tun – die Kraft und Willensstärke der sanftmütigen „kleinen Blume“ hat mich immer zutiefst beeindruckt. Obwohl man ihr ihre Schüchternheit auf den ersten Blick ansieht, wandte sie sich mit ihrem Herzenswunsch, schon mit 15 Jahren in den Karmel eintreten zu dürfen, entgegen der ausdrücklichen Anweisungen gleich mehrerer Geistlicher direkt an den Papst. In einer völlig verfahren scheinenden Situation hat sie mir die Kraft gegeben, mich zwar nicht an den Papst zu wenden, aber einen Schritt zu tun, für den ich ebenfalls meinen ganzen Mut zusammennehmen mußte. Es hat geholfen.

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* Photographien aus Lisieux zur Zeit der hl. Therese findet man auf der Seite Lisieux au temps de Thérèse.

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