Mittwoch, 12. Mai 2010

Von Schleiern und Wimpeln, Hauben und Cornettes

Zufällig stieß ich neulich im Web auf eine Diskussion um
des Kaisers Bart die rechte Form des Schleiers. Dabei wurde recht vehement eine Form favorisiert und von einigen geradezu als Beispiel für Orthodoxie dargestellt, bei der unter dem Schleier ein Stirnband und zusätzlich ein Kleidungsstück getragen wird, das G(u)impe, Wimpel, Hülle, Brusttuch oder – wie in einer Gemeinschaft, deren Gast ich einige Zeit sein durfte – Brustschleier genannt wird. (Die jungen Nonnen fanden die Bezeichnung „Brustschleier“ etwas albern, aber da der Begriff nun einmal etabliert war…)

Nun sind Wimpel und Unterschleier allerdings kein Teil des eigentlichen Ordenshabits und dessen Symbolik – das ist der Schleier selbst. Bei diesen Betrachtungen, was denn die rechte Art des Schleiertragens wäre – es scheinen sich zudem auch immer diejenigen am bestimmtesten dazu äußern, deren Kopf dann gegegebenenfalls nicht in mehrere Lagen Stoff verpackt wäre –, sollte man nicht vergessen, daß jedenfalls der Wimpel und auch sein Verwandter, das Gebende, eine Anleihe aus der Mode einer bestimmter Zeit ist:


Wimpel, der (mhd.; ahd. wimpal 'leichtes Gewand, Schleier'; m niederd. wumpel oder wimpel; afrz. guimple; engl. wimple), ein um Kopf, Hals und Nacken auf verschiedene Weisen drapiertes Tuch aus weißem Leinen oder Seide. Der W. ist als Kopfbedeckung der verheirateten Frau in Deutschland bereits im 9. Jh., in Frankreich als Guimpe ab der 2. Hälfte des 12. Jh.s belegt und hielt sich bis ins 15. Jh. (Reclams Mode-und Kostümlexikon)

oder

WIMPLE ( late 12c., 13c., 14. ) The veil evolved into the wimple, a cloth draped across the throat, cheeks and chin, leaving the face exposed. The illustration shows a wimple worn with a headveil. Certain orders of nuns still wear the wimple. In 14c., the cloth wimple worn without a veil, inned over coils of hair on either side of the head was known as aform of headwear for women consisting of a silk or linen drape over the head together with folds covering the neck, chin and sides of the face.

Originally a functional outdoor protection, it became fashionable in the 14th century and survived well into the 20th in the familiar conventual dress of some orders of nuns.


Der Ausdruck survived trifft es hier ziemlich gut. Die Art und Form der Haube, des Wimpels und des Schleiers wandelte sich immer mit der Zeit und unterschied sich auch regional. Es gab auch hier im Laufe der Zeiten mehr oder weniger exotische Varianten, wie etwa die Rüschen um die Hauben amerikanischer Ordensschwestern oder Guimpen mit vorspringenden Seitenteilen, die der Trägerin Seitenblicke verunmöglichten – oder wie es in Geschichte einer Nonne so poetisch ausgedrückt wird:
Auf diese Weise wurden verstohlene Blicke zur Seite so wirksam verhindert, als hätte man ihr Scheuklappen umgebunden, wozu ja, wie sie wußte, die Haube auch diente. Sie zwang die Augen, in die einzige Richtung zu schauen, in die sie schauen sollten, geradeaus zu Gott.
(Man merkt schon: zu dieser Zeit fuhr man eher selten mit dem Auto.) Dann gab es noch den „Aufbau“ der französischen Schwestern, der, wie ich erst vor kurzem gelernt habe, Cornette heißt – selbst die heilige Bernadette schreckte davor zurück[1]. Von anderen wird er scheints als kultig empfunden. Für den Eintritt in einen Orden mit einer Tracht, zu der eine solche Cornette gehörte, brauchte man sicher die entsprechende Berufung, alles andere macht sowieso die Gnade. In dem Fall wohl auch die, daß es in Klöstern gemeinhin keine Spiegel gab. :P

Das eigentliche Symbol für die Bindung an Christus und die Kirche und damit aufgrund der Ordenskonstitutionen Bestandteil des Habits ist der Schleier selbst. Nun ändern sich Ordenstrachten mit der Zeit und den Umständen immer einmal wieder:
Einige besonders seltsame Trachten empfand man als ungewöhnlich schon zu der Zeit, als sie aufkamen; sie spiegelten die Vorstellungen, die die männlichen Ratgeber der verschiedenen Orden von einer passenden Kleidung hatten, wider. Die Schwestern vom Heiligen Kreuz und der Passion – zur Unterstützung der jungen Arbeiterinnen in den Industriegebieten von Manchester und Bolton gegründet … gingen immerhin noch Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in langen schwarzen Mänteln und mit großen schwarzen Strohhüten und voluminösen Kreppschleiern über die Straßen. Sie erregten damals schon soviel Aufsehen, daß sie ihr Habit ändern mußten. …
Die kompliziertesten Teile des Habits waren der Kragen und die Kopfbdeckungen. „Jede von uns besaß zwölf riesige Schultertücher aus feinem Batist. Sie mußten handgesäumt sein, weil wir keine Nähmaschinen benutzen durften.“ Dann gab es die Hauben. „Unsere hatten oben etwas eingenäht, was ihnen Fülle gab – wir nannten es die Raupe. Besonders schwer war es, die Rüsche anzufertigen. Sie hatte die Länge eines Zimmers und bestand aus feiner Ganze; es war eine Tortur, sie zu nähen. Man zog sie zusammen, bis sie das Gesicht umrahmte, und nähte sie an der Haube an, und wenn sie nicht überall genau gleich war, wölbte sie sich und konnte nicht richtig plissiert werden.“ Diese kunstvollen Machwerke waren völlig unpraktisch. „Im Regen fiel das steife Ding sofort in sich zusammen“.
Die Kopfbedeckung hatte so viele Stofflagen – acht in der Regel – daß die Nonnen ein System entwickelten, um sie aneinander zu befestigen, damit sie das Ganze vor dem Schlafengehen, so wie es war, abnehmen konnten. Nachts trugen sie ebenfalls eine leichte Haube[2].
Wenn nun manche Ordensgemeinschaften Details ihrer Tracht ändern, um sie etwa praktischen Erfordernissen anzupassen oder auch dem Wunsch nach einer unaufwendigen Lebensführung[3] zu genügen (, so geschieht dies in Übereinstimmung mit der Kirche, die wünscht, daß die Tracht einfach und bescheiden sein soll, zugleich ärmlich und kleidsam. Sie sollte gesundheitlichen Normen genügen und den örtlichen Umständen angepaßt sein. An der Wäsche von Stirnbändern, Unterschleiern, Wimpeln und Kragen mangelt man schon eine Weile herum. Einige Klöster beschäftigten eigens Frauen für diese Arbeit, wobei das Stärken einer einzigen dieser Kopfbedeckungen erheblich lange Zeit brauchte.

Es gibt eigentlich keinen Grund, warum eine neuere Gründung für seine Schwestern einen Habit wählen sollte, zu dem ein Wimpel gehört. Und ob der Schleier das Haar nun zur Gänze bedeckt oder noch etwas davon sehen läßt, ist meiner Meinung nach eine sekundäre Frage, auf keinen Fall sollte man daraus einen Fetisch machen. Man kann Wimpel schön finden oder auch nicht, unpraktisch oder auch nicht, es ist an den Orden, den Vorsteherinnen der Konvente, manchmal auch an der einzelnen Schwester selbst, in Übereinstimmung mit den Konstitutionen darüber zu entscheiden. Danken wir Gott, daß er Frauen beruft, ihm freudig im Ordensleben nachzufolgen.

____
[1] In der Vita heißt es, sie habe vor ihrem Eintritt in einen Orden den Eintritt bei den Vinzentinerinnen vehement abgelehnt, mit dem Ausruf, niemals lasse sie sich „einen solchen Tunnel“ auf den Kopf setzen. Bernadette war immer schon sehr geradeheraus.

[2] Marcelle Bernstein, Nonnen – Leben in zwei Welten, 1982

1 Kommentar:

magdi hat gesagt…

Interessanter Beitrag, Danke!
Hab noch gar nicht so darüber nachgedacht, dass Nonnen sich mehr oder weniger verschleiern können, also Wimpel oder wie auch immer oder "nur" Schleier. War mir zwar bei den unterschiedlichen Orden aufgefallen, aber warum und wieso das jetzt so ist.
Also, deswegen Danke für die Erläuterungen! :-)

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