Montag, 3. Mai 2010

Die Stadt auf dem Berge


Nicht, daß ich jetzt anfangen wollte, im Geiste eine Liste positiver oder negativer Reaktionen auf die Kleidung Gottgeweihter zu führen, hier trotzdem ein schönes Erlebnis: beim gestrigen Gang über den Friedhof[1] rief mir eine Frau „Gottes Segen und einen guten Sonntag!“ nach – das hat mich wirklich gefreut und gerührt. Leute, tragt, was euch kenntlich macht in den Augen der Welt – nicht, weil man euch dann im Idealfall einen schönen Sonntag wünscht, sondern weil es zeigt, daß wir (immer noch) vorhanden sind: Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. (Mt 5, 14-16)

Wiewohl es bei an bestimmten Orten eine Berechtigung haben mag, keinen Habit oder keine Klerikerkleidung zu tragen, so halte ich dies, auf die Gesamtheit der gottgeweihten Personen bezogen, für einen großen Fehler.

Ich glaube, daß es umso weniger Berufungen sowohl zum Priestertum als auch zum geweihten Lebens gibt, je weniger diejenigen, die ein solches Leben führen, in der Öffentlichkeit erkennbar sind. Wenn diese Zeichen des unmittelbaren, persönlichen Anrufs Christi an den Menschen einfach in der uniformen Masse verschwinden, wie kommt jemand, der vielleicht mit Kirche keinerlei oder wenig Berührungspunkte hat, überhaupt auf die Idee, sich damit auseinanderzusetzen, daß es solche ganz anderen Formen des Lebens gibt? Ein schlichter Habit ist darüber hinaus in seiner Zeitlosigkeit eigentlich unübertroffen. Warum sich zum Beispiel einige klausurierte Karmelitinnen in Amerika in formlose, überdies reichlich kurze Röcke und Blusen hüllen müssen, wird mir wohl auf ewig unbegreiflich bleiben. Wer tritt bei einem solchen, auch in ästhetischer Hinsicht Schauder hervorrufenden Quintett alter Damen wohl ein? Aber ich schweife ab.

Vor Jahren ist mir auf der Transitstrecke durch den Osten nach Berlin ein Mönch eines anderen Ritus begegnet. Ich muß zugeben, daß ich dessen Aufmachung als leicht exotisch empfunden habe – er trug eine kapuzenartige Kopfbedeckung und sein schwarzes Gewand war mit goldenen und silbernen Motiven bestickt, die mich irgendwie an die Christbaumkugeln meiner Eltern erinnerten –, auch hat diese Gewandung mein Interesse geweckt und war Anlaß zu Fragen wie „Wo und wie lebt jemand, der so aussieht?“ – Das Gewand macht nicht den Mönch, aber es macht vielleicht (neue) Mönche.

Zugleich gilt auch, was Lumen de Lumine vor längerer Zeit in einem sehr guten Blogbeitrag über Ordenstrachten von Barbara Nicolosi zitiert hat:
Jene Ordensgemeinschaften, die ihren Habit ablegen, jene, die versuchen, sich an die „moderne Welt anzupassen“, haben keine Berufungen mehr. Orden, die stolz sind auf ihre Geschichte, auf ihre Berufung, auf ihren Habit, und treu sind zum Magisterium, haben hingegen Zulauf. Was auch verständlich ist: ein junger Mensch, der einem Orden beitritt, setzt ein radikales Zeichen. Er oder sie geht nicht ins Kloster, weil man ihm dort sagt, daß er im Grunde eh so weiterleben kann wie bisher, nur ohne Sex. Hier geht es um völlige Hingabe an Christus, an die Mission der Kirche und des jeweiligen Ordens.
Mit oder ohne Schleier und Hauben, Tuniken und Kollare – letztlich ist mir um die Kirche Gottes nicht bange, heißt es doch im Hochgebet: Bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk, damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht werde vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang.
____
[1] Zum Thema Friedhof übrigens ein Danke! an Elsa für ihren sehr guten Beitrag Weil wir unsere Toten nicht alleinlassen. Genau! Den Gang über den Friedhof mache ich regelmäßig und spreche dabei Gebete für die Toten, an die vielleicht niemand mehr denkt.

Kommentare:

Gespräche am Jakobsbrunnen hat gesagt…

Na ja, mein Pfarrer wünscht nicht, dass ich den Schleier offiziell in der Kirche trage, da er nicht möchte "dass die Leute dann fragen, was das ist!". Ehrlich, ich war genau so schockiert über diese Begründung.
Noch mehr schockieren mich die jüngeren Priester (50 Jahre) hier in der Umgebung, die den ganzen Sommer in kurzen Hosen und Hemden herumlaufen, Kollar so wie so nie tragen und auch kein Kreuz am Revers - tragen ja auch nix mit Revers. Pulli oder Hemd, Jean.
Ja, ist ja auch kein Unterschied mehr zwichen Gottgeweihten und Anderen. Äußerlich nicht und innerlich wahrscheinlich auch keiner, leider.

Braut des Lammes hat gesagt…

:o – na, also da bleibt mir nun wirklich der Mund offen stehen, zumal es eigentlich nicht an ihm wäre, dazu etwas zu sagen. Selber trägt er aber Priesterkleidung oder ist er so reduziert, daß er sich das selbst auch versagt?

Als unser Pfarrer neulich ein etwas merkwürdig aussehendes Meßgewand in Händen hatte, meinte er: "Das ist für Rollkragenpriester, nicht für richtige!" :)

Gespräche am Jakobsbrunnen hat gesagt…

Na ja, ich bin ihm dienstrechtlich unterstellt und insofern ist das etwas, sagen wir, mit Feingefühl verbunden, ob ich einen Streit vom Zaun breche wegen der Mantilla.
Kollar trägt bei uns hier nur 1, aber der ist in einer andern Pfarre (72). Aber meiner trägt wenigstens Stoffhose, schönes weisses Hemd und grauen Pullover und Jacke; die jungen T-shirt und Jeans.
Unser früherer Bischof nannte Priester in T-Shirt und Jeans "Safari-Priester" lol.

Braut des Lammes hat gesagt…

Nein, daß man etwa herumdiskutieren sollte, wollte ich durchaus nicht nahelegen, den kleinen Hinweis auf die mangelnde Zuständigkeit konnte ich mir aber trotzdem nicht versagen. Bei dienstrechtlichen Geschichten mag es noch anders aussehen.

BTW: Wenn sich jemand einen Kommunionschleier auf den Kopf legt, ist der Herr Pfarrer dann auch dagegen?

Gespräche am Jakobsbrunnen hat gesagt…

Hast schon recht, denn der Bischof hätte zwar nix dagegen, aber der Ortspfarrer und der ist mir - näher als der Bischof. Freilich wäre er nicht zuständig - aber er mag nicht gefragt werden, auch sonst nicht zu rel. Themen. Außer im Notfall.
Äh Kommunionschleier? Meinst du jetzt die Erstkommunion? Ansonsten besteht hier wirklicht nicht die Gefahr, dass eine unserer Damen auf die Idee käme, so was auf den Kopf zu setzen. Und JA: würde die ihn fragen, wäre er dagegen.

Eugenie Roth hat gesagt…

Ja, wo laufen sie den hin, die jungen Leute? Der Orden der Mutter Teresa, die sogar in der Kapelle den Straßenlärm hören, damit sie die nicht vergessen, für die sie beten wollen, haben Zulauf "ohne Ende".
Und andere, die keinen Zulauf haben - erlassen den Schwestern das tägliche Rosenkranzgebet und den Habit. Es tut weh, aber ich hab' das selbst von der Schwester im Kloster auf der anderen Straßenseite gehört. Sie selbst trägt übrigens noch die alte Tracht mit Kleid bis zum "Boden" und Schleider mit "Stirnschild". Oder wie nennt man das?
Ich freue mich jedenfalls riesig wenn ich jemand in Habit bzw. Soutane sehe - und man sieht mir die Freude offensichtlich an, denn mein Gegenüber fängt (je nach Tagesverfassung mehr oder weniger stark) an zu strahlen ...

Braut des Lammes hat gesagt…

@ Maria-Martha: Ein Kommunionschleier ist zum Beispiel sowas
http://3.bp.blogspot.com/_QL25W80JzPY/S3U_u82IWnI/AAAAAAAABk4/jYd_xfHFDLU/s1600-h/chapel+veil2.jpg
– und ich käme, offen gestanden, im Leben nicht auf die Idee, als Gläubige den Pfarrer zu fragen, was er dazu meint. Der Apostel und die Kirche haben sich dazu bereits eindeutig geäußert.

Braut des Lammes hat gesagt…

@ Eugenie. Genau!

Willkommen übrigens auf meinem Blog – btw. der deine sieht aus, als wenn er witzig werden könnte. Ich hoffe, du schreibst fleißig! ;)

Anonym hat gesagt…

Zu dem exotisch anmutenden Mönch auf der Transitstrecke nach Berlin: Es klingt für mich ganz so, als ob das ein koptischer (ägyptischer) Mönch war. Die tragen nämlich eine art Kapuze, die mit dem alten koptischen Kreuz (der Vergleich mit Christbaumkugeln ist gar nicht so schlecht) bestickt ist. War mal in Kröffelbach (Hessen), dort gibt es ein koptisches Kloster. Sehr spannend: Gottesdienstsprache ist Altägyptisch (also koptisch) und Arabisch; Gott wird also mit 'Allah' angesprochen. Eine irritierende, aber sehr schöne Erfahrung!
Gruß, Malwine

Braut des Lammes hat gesagt…

@Malwine – koptisch wollte ich ursprünglich schreiben, dann fiel mir aber jener "Kapuzenträger" wieder ein:
http://www.katholische-akademie-berlin.de/de/st-thomas-v-aquin/bilder-gottesdienste/index.php

Das Bild zeigt Bischof Armash Nalbandian aus Damaskus – kein Kopte, allerdings unbestickt. Es gibt also mehrere Möglichkeiten.

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