Dienstag, 6. April 2010

Glaubwürdig – zum Bild der Kirche


Im folgenden in voller Länge eine Predigt Pfr. Karlsons am Gründonnerstag, die ich im Besonderen wegen der Ausführungen über die Kirche bewegend finde:

Als 1955 die Gottesdienstfeiern der Karwoche neugeordnet wurden, gab es von Anfang an die Möglichkeit den Ritus der Fußwaschung innerhalb der Abendmesse vorzunehmen. Die Fußwaschung gab es im Gottesdienst nicht. Sie war zwar nicht direkt ausgestorben, aber sie war ein Teil des gesellschaftlichen Lebens, der Kaiser in Wien wusch am Nachmittag des Gründonnerstags 12 alten Männern die Füße, die Kaiserin zwölf alten Frauen, denen dann jeweils ein Beutelchen mit Silbermünzen umgehängt wurde. Auch in Bayern gab es eine Hoffußwaschung für die zwölf ältesten Männer des Landes, die zwölf Mädchen bekamen zwar keine Füße gewaschen, dafür aber ein Geldgeschenk. Das einzige Land, in dem es noch heute eine weltliche Gründonnerstagszeremonie gibt, ist Großbritannien. Hier überreicht am heutigen Nachmittag die Königin ausgewählten Männern und Frauen sogenannte „Maundy coins“ – einen Beutel mit Silbermünzen – und zwar entsprechend der Anzahl ihrer Lebensjahre.

Die liturgische Fußwaschung ist in vielen Ländern nicht mehr praktiziert worden –in England hat sie erst Erzbischof Rowan Williams vor 7 Jahren wieder eingeführt –und auch der Patriarch von Moskau hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit dem Mittelalter wieder eine Fußwaschung nach dem Gottesdienst vorgenommen.

Nur in Rom hat sich die päpstliche Fußwaschung fortlaufend gehalten: durch die Jahrhunderte hindurch wusch auch der Papst in der Sixtinischen Kapelle 13 Kanonikern und dann noch am Abend 13 Bettlern die Füße. Diese lebendige Tradition – verbunden mit der klösterlichen Praxis der Fußwaschung, die nie abgebrochen ist – war wahrscheinlich der Anstoß, diesen Ritus wiederzubeleben.
Es gab damals viele kritische Stimmen: Es wäre besser, man beließe die Fußwaschung in den Klöstern als Teil des Agapemahls – da hat es seinen Platz. In der Kirche – und dann noch vom Priester – wirkt das denn nicht wie Theater? Es gab einen akademischen Widerwillen gegen die Fußwaschung im Gottesdienst. Ist solch ein Ritus tatsächlich glaubwürdig?

Wir haben in den vergangenen Wochen sehr häufig den Vorwurf gehört, die katholische Kirche hätte ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die moralische Integrität der Kleriker ist durch das Versagen einzelner aus ihren Reihen zutiefst erschüttert.

Im Johannesevangelium hat mich besonders dieser Widerwille gegen die Fußwaschung nachdenklich gemacht. Der Sklavendienst, den Christus an Petrus versieht, geht dem Apostel zu weit. Er möchte überhaupt nicht mit einem schwachen Messias, sondern mit einem strahlenden und erfolgreichen Messias gesehen werden. „Das möge Gott verhüten!“ sagt er im Markusevangelium, als Jesus andeutet, er werde wohl scheitern bei den Ältesten und den Hohenpriestern in Jerusalem.

Ein Glaubwürdigkeitsproblem zu haben ist für die Kirche nichts Neues. Auch Paulus und auch Jesus selbst hatten eines – immer wieder wurde ihm die Frage gestellt: „Welches Zeichen tust du, um zu beweisen, daß deine Rede wahr ist? Wer kann das bezeugen, was du sagst?“

Wie wird man glaubwürdig? Wenn das Reden und Handeln eines Menschen übereinstimmen oder wenn das, was er sagt, auch von anderen bestätigt wird, also sich später als wahr erweist.

Es hängt weniger davon ab, ob das was die Kirche sagt gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. In der Frühzeit war das Christentum eine ziemlich spezielle Angelegenheit, doch die Nichtchristen empfanden die Kirche als glaubwürdig, weil sie zum einen für ihren Glauben bereit waren, Nachteile in Kauf zu nehmen bis hin zu Gefängnis und Tod und zum anderen, weil sie einander halfen, ohne Ansehen der Person, die Entschiedenheit und die Nächstenliebe machten die Christen glaubwürdig. Was für die frühen Christen gilt, läßt sich mit Abstrichen auch auf die Kirche im Kommunismus übertragen. Auch die Parteisekretäre gaben hinter vorgehaltener Hand zu, daß es um den Sozialismus besser bestellt wäre, wenn die Sozialisten nur halb so tapfer für ihre Idee einstehen würden, wie so manche einfache Katholiken.

Wenn wir aus dem Geheimnis des Gründonnerstags leben, dürfen wir dann angesichts der Ungeheuerlichkeiten wütend und enttäuscht sein und uns beklagen? Wofür haben denn so viele Christen eingestanden? Wofür sind so viele Christen verspottet worden? Dafür daß einige ihr Amt und ihr Ansehen benutzen und sich an den Kleinen zu schaffen machen? – So zu fragen, das ist verständlich. Aber es ist nicht der Geist Christi, der so spricht.
Es scheint sehr viel verlangt, vielleicht ist das eine Überforderung, aber ich hoffe und bete, daß dieser Prozeß, den wir durchmachen, für die Kirche gut sein kann.

Oder ist uns eine Kirche peinlich, die nicht strahlend und erfolgreich ist? Möchten wir nur and das glauben, an das alle glauben? Wie sähe die Kirche aus, wenn wir so leben würden, daß die Fußwaschung nicht ein einmaliges Ritual ist, das ein wenig merkwürdig und fremd scheint, sondern gleichsam erwartbar ist. Wenn wir nicht sagen würden: so müßte es sein. Sondern wenn wir sagen würden: Fußwaschung ist unser Prinzip.

Wir werden es vielleicht nicht schaffen, die Atmosphäre in unserer Gesellschaft schnell zu verändern, aber wir können uns ansprechen lassen von dieser einmaligen Fußwaschung am Gründonnerstag. Sie ist ein Zeichen der Demut und der Hingabe Jesu an seine Freunde, und durch sie an die ganze Menschheit. Sie steht an dem Moment, an dem Menschen, wenn sie wissen, daß sie sterben müssen, in einer Weise wahrhaftig sind, wie es nur angesichts des Todes möglich ist. Manchmal kann man in Testamenten Worte der Vergebung und der Liebe lesen: „Ich wollte euch vor allem eines sagen…“ heißt das dann und jeder weiß, daß das nicht nur einfach so dahingesagt ist.

Den Jüngern hat sich dieser letzten Abend ins Gedächtnis eingebrannt – das, was er immer gesagt hat, hat er am Ende auch getan. Die Fußwaschung ist kein bloßes Ritual, sondern ein Lebenshaltung, eine Haltung, die uns immer und immer wieder überfordert, an der wir dennoch Maß nehmen müssen. Und deshalb wollen wir bevor wir das Osterfest miteinander feiern, einander von Herzen vergeben. Und deshalb wenigstens einmal im Jahr wollen wir diese Gebot des Herrn wörtlich nehmen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr einander die Füße wascht.“ Amen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zur "Wiener Fußwaschung":
Natürlich war sie Teil des gesellschaftlichen Lebens, es war der gesamte Hof anwesend - wie auch bei der Fronleichnamsprozession. Dennoch hätte niemand den religiösen Charakter der Fronleichnamsprozession bezweifelt.

Woher die kaiserliche Fußwaschung nun kam, aus dem Zeremoniell des mittelalterlichen Kaisertums, dem spanischen oder burgundischen Hofzeremoniell oder aus der Tatsache, daß der Kaiser auch Apostolischer König von Ungarn war - das weiß ich nicht, genauere Forschungen dazu gibt es meines Wissens nicht. Aber die Fußwaschung hätte sich als nur rein gesellschaftlicher Akt sicher nicht gehalten, da wäre sie ausgestorben wie etwa die barocken Karuselle oder Roß-Ballette. Man hat dem Haus Österreich oft einen "überzogenen" Katholizismus vorgeworfen. Wahrscheinlich hat das bei der Vollziehung dieses Ritus geholfen. Nach der Fußwaschung gab es ein zeremonielles Mahl, bei dem Erzherzöge die Speisen auftrugen. Der Beutel mit den Münzen wurde meines Wissens in einem Deckelkrug aufgetragen. Die Münzen, der Krug und die Speisen wurden den alten Leuten in einem Korb mit nach Hause gegeben.

Zwetschgerich

Braut des Lammes hat gesagt…

Ah, danke!– Mit Deinem Einverständnis würde ich die inhaltliche Anmerkung dem Prediger gern zukommen lassen.

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