Montag, 22. März 2010

Susanna im Bade


Leute, bringt etwas Zeit mit, wollte ich in der Frühe noch schreiben, heute beschert uns das Kirchenjahr die längste erste Lesung, die Geschichte von Susanna im Bade, einem beliebten Motiv in der darstellenden Kunst. Es kam dann aber doch nicht so, denn der Zelebrant der Abendmesse wählte die Kurzfassung, die ich erst zum zweitenmal überhaupt gelesen habe.

Diese Lesung ist ein jährlicher Anlaß, sich zu fragen, was eigentlich den Erarbeitern des Lektionars manchmal durch den Sinn gegangen sein mag und warum wohl gerade diese Lesung so verhackstückt worden ist. Wenn uns der "Tisch des Wortes reichlicher gedeckt" werden soll, dann doch bitte mit allen Zutaten.

Es existiert von der Perikope eine lange und eine Kurzfassung. Die Kurzfassung beginnt mit den denkwürdigen Worten: In jenen Tagen verurteilte die versammelte Gemeinde Susanna zum Tode. Na bravo! Man möchte behaupten, kaum einer weiß, warum. Schon weil die Geschichte in den Apokryphen steht, nur an diesem einen Tag in der Fastenzeit gelesen wird und, wie ich bemerkt habe, eine gute Kenntnis des alten Testaments unter Katholiken irgendwie oft „nicht angesagt“ scheint (Zum Vergleich: in der pietistischen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es unter meinen Schulfreundinnen einige, die einem bei Nennung eines Bibelzitates sagen konnten, wo das geschrieben steht und andersherum). Auch geht es bei der Geschichte nicht vor allem um Daniel.

Die Kurzfassung der apoykryphen Lesung unterschlägt die ganze, wesentliche Vorgeschichte der bewahrten Keuschheit Susannas: wie sich da, als sie in ihrem eigenen Garten badet, zwei Älteste als Spanner in den Buschen herumdrücken und Susanna schließlich mit einem gemeinen Erpressungsmanöver gefügig machen wollen. Diese trifft eine mutige Entscheidung:

Ich bin bedrängt von allen Seiten. Wenn ich es tue, so droht mir der Tod. Tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in de Hände zu fallen, als gegen den Herrn zu sündigen. (Dan 13, 22-23)

Aus dem anschließenden Verleumdung der beiden Ältesten ergibt sich das Todesurteil der Gemeinde gegen die vermeintliche Ehebrecherin, vor dem Susanna durch den klugen jungen Daniel errettet wird. Trotzdem ist die Haltung Susannas, ihre Standhaftigkeit, ihre Tugend und ihr Gottvertrauen, einer Märtyrin würdig.

Wenn man durchaus meint, die Langfassung dieser Lesung, die im übrigen auch Verse ausläßt, „aus pastoralen Gründen“ der Gemeinde – wieso eigentlich, die sitzt doch? – oder dem Zelebranten – nun ja, manche von denen haben wirklich viel zu tun – nicht zumuten zu können: in der Kurzfassung kann man sie eigentlich keinem[1] zumuten.

Man sollte überlegen, ob man, bevor man einen Text derart kastriert, nicht lieber entweder ganz auf ihn verzichtet oder ihn als Bahnlesung ("Fortsetzung folgt") an zwei aufeinanderfolgenden Tagen lesen läßt, der Gemeinde zum Nutzen.

____
[1]Dem einen, der seinerzeit meinte, dem Lektor könnte man einen solch langen Vortrag nicht zumuten, habe ich sehr freundlich gesagt, daß es mir nicht das geringste ausmacht. Er wollte dann doch die kurze Fassung. Aha.

Kommentare:

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Oh ja, ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ich im falschen Film bin. Denn bei uns hat der Pfarrer sogar ausdrücklich in der Statio Bezug auf "die längste Lesung des Kirchenjahrs" und "Susanna im Bade" genommen. Der Küster hatte der Lektorin aber offenbar die Kurzfassung vorgegeben...

Braut des Lammes hat gesagt…

O je – vielleicht wollte er nach Hause. Ein immerwährender Konflikt (die ca. vier Minuten reißen es bestimmt raus… :o)

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