Sonntag, 21. Februar 2010

Warum ich in der Kirche bleibe – Hirtenbrief unseres Erzbischofs zur Fastenzeit


Liebe Brüder und Schwestern, die Kirche Gottes und seines Sohnes Jesus Christus ist eine Kirche der Sünder. Das ist nicht die Feststellung eines enttäuschten und verärgerten Christen. Es ist viel mehr eine Glaubenswahrheit, die die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte immer wieder bekannt hat. Sie ist die Gemeinschaft, in die der Herr ruft, und zwar die Sünder ruft, damit sie sich bekehren und geheiligt werden, wohl wissend, daß sie immer wieder sündigen werden. […]

Wer glaubt und sich taufen läßt, empfängt Vergebung der Sünden und ewiges Leben: das ist die Gemeinschaft mit Gott und mit denen, die bereits in dieser Gemeinschaft leben. Beides ist miteinander verbunden: die Gemeinschaft mit dem erlösenden Gott und mit den Erlösten.

Das Neue Testament drückt es in mehreren Bildern aus: Der Jünger Jesu ist wie ein Rebzweig am Weinstock, der Christus ist; aber er ist auch mit den anderen Rebzweigen verbunden. Davon kann er nicht absehen. Oder: der Getaufte wird Glied am Leib, dessen Haupt Christus ist; er hat aber eo ipso Gemeinschaft mit den anderen Gliedern; würde er sich von ihnen trennen oder distanzieren, würde er sich vom Haupt, das heißt von Christus, distanzieren und trennen. Oder: der Getaufte ist wie ein lebendiger Stein am lebendigen Tempel, in dem Gott gegenwärtig ist. Würde er herausgebrochen, würde er im Ganzen fehlen, und zwar am Ort der Gegenwart Gottes.

Alle diese Vergleiche lassen noch offen, daß christliches Leben in verschiedenen Berufungen gelebt werden kann; daß es besser gelingen oder auch mißlingen kann. Sie stimmen überein in dem, was der hl. Kirchenvater Cyprian so formuliert: "Der kann Gott nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat"

Der Getaufte kann also nicht sagen: Christus bleibe ich treu, aber von der Kirche löse ich mich, sie hat mich zu sehr enttäuscht. Das ist so unmöglich wie der Gedanke: ich bleibe im Lebensstrom, den ich von den Eltern empfangen habe, aber ich gehöre nicht mehr zur Familie.

Ohne Kirche können wir keine Gemeinschaft mit Christus haben.

Die Abwendung von der Kirche, die aus mancher Enttäuschung erwächst, liegt darin begründet, daß man Kirche gewissermaßen als idealtypische, geradezu überirdisch perfekte Gemeinschaft erleben möchte. Das wird sie nie sein. Jugendliche haben das Problem vor einiger Zeit im Schaukasten ihrer Gemeinde zur Sprache gebracht. Der Betrachter sah nichts weiter als sich selbst: in einem großen Spiegel, versehen mit der Aufschrift: "Sieht so ein Christ aus?"

Alle Wertschätzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es die Kirche der Sünder ist, in der Gott sein Werk der Erlösung vollbringt; mehr noch: an die er es gebunden hat. Diese ganz konkrete Kirche, die für manchen zum Ärgernis wurde und wird, soll nach seinem Willen das sichtbare Zeichen seiner bleibenden liebenden und erlösenden Gegenwart durch die Zeiten bleiben. Hier findet Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott statt. Zugespitzt gesagt: seine heilende Gnade hat er "einem Haufen von Sündern" anvertraut.

Darum bleibe ich in der Kirche. Eben nicht, weil sie eine elitäre Gesellschaft von moralisch hochstehenden Persönlichkeiten ist, sondern dieser "Haufen von Sündern". Und weil auch ich ein Sünder bin, darum ist sie meine Kirche, in der ich bleibe, weil einzig sie mir Hoffnung und Zukunft gibt. Kirche der Sünder für Sünder – um Kirche der Heiligen zu werden.

In der amtlichen Rechtssprache werden die Kirchen zu den Religionsgemeinschaften gezählt. Das schafft für die staatliche Ordnung in vielen Fällen Klarheit.

Für das theologische Verständnis der Kirche reicht der Begriff Religionsgemeinschaft nicht aus. Denn Kirche ist nicht eine Gemeinschaft, die entstanden wäre, weil Menschen mit einer gemeinsamen religiösen ßberzeugung sich aus Zweckmäßigkeitsgründen nach Art eines gemeinnützigen Vereins zusammengeschlossen und eine rechtliche Ordnung gegeben hätten.

Die Kirche ist viel mehr: sie ist "in Christus das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott und für die Einheit der ganzen Menschheit" (II. Vat. Konzil).

Sie ist das Wurzelsakrament, aus dem alle anderen Sakramente erwachsen: Zeichen der heilenden und rettenden Nähe Gottes.

Diese Kirche sollte ich verlassen? Weil es in unseren Reihen noch immer so viel Unglaubwürdiges, so viel Schuld gibt? Weil sie immer noch der "Haufen von Sündern" ist, die der Vergebung bedürfen? Diese Kirche verlassen, die Gott um unseres Heiles willen als Gemeinschaft von Sündern bejaht, um aus ihnen mit Gott und Mitmenschen Versöhnte zu machen?

So sehr wir auch Kirche der Sünder sind, so ist die Gnade Gottes auch jetzt schon siegreich. Siegreich in Jesus Christus, dem Sieger über Sünde und Tod, wie es gerade in der Feier der österlichen Geheimnisse aufleuchtet und in seiner Auferstehung zum Hoffnungszeichen wird.

Das Sieghafte an dieser Gnade und dem Erbarmen unseres Gottes ist aber auch schon erkennbar im Leben so vieler Menschen, die wir als heilige Frauen und Männer verehren, die mit uns gewöhnlichen Sündern zur Gemeinschaft dieser Kirche gehören. Das ist verwunderlich und tröstlich zugleich. Ich muß mir nicht für die Zukunft eine ideale Kirche erst erträumen. Ich kann getrost in der realen Kirche bleiben, die eine Kirche von Sündern ist, denn der Herr ist nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder, und Er hat bereits unübersehbar viele geheiligt, die treu geblieben sind. Uns allen zum Trost.

(aus dem Hirtenbrief Kardinal Sterzinskys zur Fastenzeit 2010)
Den Hirtenbrief in voller Länge nachlesen kann man hier

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