Samstag, 9. Januar 2010

Von Menschen und Ministranten

Manch einer entrüstet sich am Mittagstisch darüber, daß Pfarrer X der Gemeinde Y bei der letzten Fußwaschung „nur acht Apostel“ gehabt hätte, davon „auch noch drei Frauen“.

Lassen wir einmal die Schwierigkeiten vieler Pfarrer und Kirchenrektoren, überhaupt zwölf Leute für das Mandatum zu finden, beiseite – mir sind dabei einmal die Füße gewaschen worden, als Gast im Kloster und von einer Äbtissin, die ich nicht näher kannte. Fragte mich unser Pfarrer, läge mir wohl auch eher ein „Nie sollst du mir die Füße waschen!“ auf der Zunge[1]. – Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Andere – offenbar von der allgemeinen Heiligkeit ihres Geschlechtes überzeugt – beklagen larmoyant, daß ihre Sternsinger Sternsingerinnen geworden seien (die offenbar doch vorhandenen Jungen wurden diesen glatt zugeschlagen).

Nun sind Teilnehmer am Mandatum keine Apostel (und auch keine Nachfolger derselben), Sternsinger keine Könige und Ministranten kein Ersatz für nicht anwesende Kleriker. Eben weil es um den Geist der Anbetung und nicht um die reine Darstellung geht, sollte man das Sternsingen und Ministrieren nicht mit den Oberammergauer Passionsspielen verwechseln.

Es sei ferne von mir, weitschweifig darauf einzugehen, wieso auch Frauen und Mädchen liturgische Dienste verrichten können und die Blödigkeiten gewisser Exkommunikanten über „spirituelle Unanständigkeit“ ausführlich in das zu zergliedern, was sie letztlich sind: geistlich verbrämtes Gewäsch. Hier kommt der Autoren allgemeine Misogynie ein weiteres Mal im Mäntelchen hehrer Absichten daher und erscheint doch trotzdem kaum verhüllt. Nun ja, dem Unreinen ist eben alles unrein.

Gott hat den Menschen nach seinem Bilde, als Mann und als Frau erschaffen, und alle Getauften haben die Würde des allgemeinen Priestertums inne – Männer wie Frauen, Jungen und Mädchen. Das äußere Zeichen dafür ist das Taufkleid, im Gottesdienst symbolisiert durch Albe oder Chorhemd. Kraft dieser Gnade dürfen alle Gott dienen, Fürbitte vor ihm einlegen, ihn preisen – und kraft dieser Gnaden übernehmen auch einzelne Getaufte liturgische Dienste.

Männer und Frauen sind ohne jeden Zweifel verschieden. Teils sind ihnen deshalb auch verschiedene Dienste in der Kirche anvertraut. Manches können sie aber auch zusammen tun. Nur ein Mann kann Priester, Diakon oder Vater werden. Nur eine Frau kann Braut Christi oder Mutter sein. Männer und Frauen können aber zusammen christliche Eltern und Vorbilder im Glauben werden. Sowohl Männer als auch Frauen können in einen Orden eintreten. Wer weiß, wieviele der kleinen Ministrantinnen künftige Klarissen oder Karmelitinnen sind? Und wer würde zu behaupten wagen, daß die Kirche sie weniger brauche als Priesteramtskandidaten oder den Kartäuser in seiner Zelle?

Geht die Zahl der Ministranten in manchen Pfarren zurück oder wandern die Ministranten anderswohin ab, kann es an der Art, wie diese Gruppen zuweilen geführt oder eben nicht geführt werden, liegen, an der Atmosphäre und Disziplin, die darin herrscht. Ist für die jugendlichen Ministranten ein Kleriker als Ansprechpartner da, der mit Geduld ihre Fragen beanworten, sie anleiten und ihnen Vorbild sein kann? Wertschätzt die Gemeinde den Dienst der Ministranten? Wertschätzt sie der Pfarrer selbst? Wem wesentliche Teile des Hochgebets entbehrlich erscheinen, findet oft nichts dabei, sich auch die Gaben und alles andere selbst zum Altar zu tragen. Weihrauch, Leuchter, Schellen, Buchdienst, Kreuzträger, Sakramentalien – wer braucht sowas?

Manchem Kind, manchem liturgischen Dienst überhaupt, scheint auch nicht ausreichend vermittelt zu werden, wieso man den Dienst einen Dienst und ein Ehrenamt nennt: weil es eine Ehre ist, dienen zu dürfen und weil man es um der höheren Ehre Gottes willen tut. Es gibt nebenbei bemerkt, auch die Sorte Meßdiener, die, auch wenn man sie unbedingt bräuchte, wirklich nur dann ministrieren, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Nr. 14 und 16 der goldenen Regeln für schlechtes Ministrieren lassen grüßen.[2]
Wenn die Ministrantenschar in der Pfarrgemeinde von euch gut geführt und begleitet wird, kann sie einen echten Weg christlichen Wachsens durchlaufen und gewissermaßen eine Art Vorseminar bilden. Erzieht die Pfarrgemeinde, die gleichsam die Familie der Familien ist, dazu, in den Ministranten ihre Kinder zu erblicken, die »wie junge Ölbäume rings um den Tisch« Christi, des Brotes des Lebens, versammelt sind. (der heilige Vater in seinem Schreiben an die Priester vom Gründonnerstag 2004)
Der geistliche Zweck des Ministrantendienstes ist meiner Ansicht nach, die Liebe zu Christus und seiner Kirche und das Bewußtsein für die Berufung eines katholischen Christen zu wecken. Aus einer Gruppe „gemischter“ Ministranten sind in Laufe weniger Jahre hervorgegangen: mehrere Priesteramtskandidaten, mehrere Berufungen zum geweihten Leben, viele Berufungen zu katholischen Eheleuten.

Der Mitwirkung von Mädchen und Frauen bei den liturgischen Diensten den Rückgang der Zahl von Priesteramtskandidaten in die Schuhe schieben zu wollen, ist schlicht unredlich. Die Ursachen dafür sind meines Erachtens andere, sie sind vielfältig und in dem gebotenen Rahmen kaum hinreichend darstellbar.

Als Priester ist der geweihte Mann ein Symbol Christi. Das bedeutet aber nicht, daß alle, die ihn umgeben, ebenfalls solche Symbole sind oder sein müßten. Das heißt, daß der Ministrant kein alter Christus ist und daher auch nicht männlich zu sein braucht.

Was sollten das eigentlich für tragfähige Berufungen sein, die sich angeblich nur entfalten können, wenn im Altarraum nur Männer dienen? Die Priesteramtskandidaten werden in ihrem späteren Leben fast immer auch keinen „frauenfreien Raum“ vorfinden.

Und wie kann eigentlich ein Meßdiener oder Lektor, sei er nun männlich oder – horribile dictu! – weiblich, dem Priester den Altarraum „streitig“ machen? Auch die letztere Formulierung ist ein schönes Beispiel dafür, wie man die eigenen Geisteshaltungen auf der Kirchbank jeweils denen im Altarraum unterschieben kann, ohne daß diese dessen überhaupt gewahr werden.

Vor einigen Jahren schlug jemand in sarkastischer Höchstform vor, Frauen den Eintritt in die Kirche überhaupt zu verwehren. Und wenn es sich bewährt: reine Männerdiözesen.

Jedem sei natürlich seine persönliche Sicht der Dinge zugestanden (wozu gibt es schließlich Blogs?) – auch wenn man bei manchem denkt, eines Tages mußt du dich doch mal ausgemeckert haben!

Letztlich wünsche ich mir auch mehr Vertrauen in den Geist Gottes selbst. Er weht, wo er will und wird auch künftig unter den Jungen und Männern die berufen, die er als Priester haben möchte. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

[1] In Klöstern werden diejenigen, denen die Füße gewaschen werden, schlichtweg bestimmt und fügen sich im Gehorsam. Manchmal ist der Gehorsam eine praktische Sache. Er entbindet hier den Fußwäscher von der Mühe, aufwendig suchen zu müssen und den „Apostel“ von der Sorge: Geht das? Geht das wirklich? .oO(Muß ich vorher vielleicht noch zur Fußpflege?)

[2]
14. Ministriere nur sonntags, wenn du sowieso gekommen wärst! Werktags ministrieren nur Leute, die Langeweile haben. Schließlich bist du etwas Besonderes und mußt entsprechend behandelt werden. Wenn in der Woche zur Gottesdienstzeit eine wichtige Serie läuft, bist du selbstverständlich verhindert.

16. Ministriere nicht zu großen Festen! Wenn alle außer dir da sind, geht es doch auch noch. Denn die großen Feste kommen immer sehr überraschend und können daher in deine umfangreichen Planungen nicht mehr einfließen. Große Feste kann man auch mit wenigen Ministranten feiern, man muß nur flexibel sein. Sollen sich die anderen doch freuen, daß sie sich nicht mit Kreuz, Leuchter und Weihrauch abmühen müssen, weil sie zu wenig Ministranten sind.

Kommentare:

Amica hat gesagt…

Danke hierfür! Besser könnt' ich's auch nicht sagen.

Florian hat gesagt…

Danke, danke, danke, DANKE!

Ist genau meine Meinung. Manchmal fragt man sich, was in den Köpfen der Leute vorgeht...

Sarah hat gesagt…

Du hast mit deinem Artikel natürlich recht, ich glaube ich weiss auch auf welchen anderen Beitrag du anspielst. Wenn alle das so sehen, wie du es schreibst, würde es den anderen Blogbeitrag sicher nicht geben.
Nur bei uns ist es gerade so, dass unser scheidender Priester gerade an solchen Frauen gescheitert ist, die da, denke ich, gemeint waren. Zum Beispiel eine Laientheologin (FH), die das als Hausfrau quasi ehrenamtlich macht und vor kurzem von unserem Bischof die Erlaubnis zum Predigtdienst erhalten hat und die geht dann in der Heiligen Messe hin und hält ein Schlusswort an die Eltern der Kommunionkinder sie leitet die Kommunionvorbereitung) obwohl die Kindermesse gut war und ihre theologischen Gedanken über den Weinstock und die Rebzweigen wirklich keinen interessiert, traute sich unser Pastor nicht ihr das Wort abzuschneiden, bzw. darauf hinzuweisen, dass er es nicht möchte. Diese gleiche Frau antwortete mir auch mal als ich sie auf die Schönheit der eucharistischen Anbetung angesprochen habe: "Das brauche ich nicht" und bei uns ist der Empfang des Bußsakraments auch freiwillig vor der 1. Kommunion......Hallo....Glücklich Ihr, wenn ihr es anders kennt!

Benita hat gesagt…

Auch von mir: Danke, danke, danke! Nachdem ich kürzlich einen reichlich misogynen Blogbeitrag gelesen hatte, hatte ich auch kurz darüber nachgedacht, was zu dem Thema zu schreiben. Aber das hätte meinen Blutdruck nur noch mehr in die Höhe getrieben...

christiankalis hat gesagt…

Es gibt viele, viele Dokumente von höchsten und vor allem zuständigen Stellen (vgl. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: INSTRUKTION Redemptionis sacramentum, Nr. 47 u. dazugehörige Fussnote 122), die deine Ausführungen bestätigen.
Danke für den Beitrag!

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke ebenfalls, für die positiven Reaktionen - ich hatte mit mir gerungen, ob ich den Beitrag überhaupt veröffentliche.

@Sarah: es ist natürlich bedauerlich, wenn solche Dinge einreißen. Bei uns wäre in der Tat undenkbar, daß jemand in der Hl. Messe etwas sagt, ohne sich zuvor in der Sakristei mit dem Zelebranten abzusprechen. Ich denke aber, daß es letztlich nicht darum ging. Es war von Sternsingerinnen und Meßdienerinnen, von Frauen im allgemeinen die Rede.

Der Dienst des Meßdieners ist übrigens fast immer per se ein schweigender, da müßte er doch für Mädchen und Frauen in der Kirche quasi prädestiniert sein. ;)

Sakura hat gesagt…

Danke, Braut des Lammes, für deinen ausgezeichneten Beitrag!

In dem von dir erwähnten Blog geht es meiner Meinung ausschließlich um Polemik. Man sollte die Leute dort nicht ernst nehmen.

Braut des Lammes hat gesagt…

@Sakura. Wahrscheinlich hast du recht. Man kann sich auch an die große Teresa halten:
"Gott ist kein Richter wie die Männer, die meinen, jede gute Fähigkeit bei einer Frau verdächtigen zu müssen."

Theodor Groppe hat gesagt…

@ Braut des Lamms

Na ja, in der Praxis schaut es meiner Erfahrung nach genau umgekehrt aus, da gehören ministierende Jungs eindeutig zur bedrohten Art. Verirrt sich bei uns der Pfarrei mal einer in die Mädchenschar, ist der nach spätestens einem halben Jahr wieder weg. Vielleicht ist das nur bei uns im Osten so, aber hier ist alles in der Gemeinde außer dem Priester faktisch in weiblicher Hand und das viel größere Problem sehe ich in der Abwesenheit von Männer, als in der Unterrepräsentation von Frauen. Über die Gründe könnte man endlos spekulieren, nur mal als Gedanke, Jungs brauchen Identifikationsfiguren und die finden sie in der heutigen Kirche eher nicht, sondern nur so einen netten, älteren Herr, der sich im Groß-Pfarrverbund gerade verwaltungstechnisch aufreibt.

@ Sakura

Bruder Lukas ist ein Benediktiner hier um die Ecke und dem geht es wohl kaum 'ausschließlich um Polemik'.

@ christiankalis

Mit der Redemptionis sacramentum zu argumentieren ist nicht ungefährlich, im normalen Pfarrgottesdienst könntest du mit der Instruktion nämlich Bingo spielen, wer als erstes zehn Verstöße zusammen hat, darf noch vor der Predigt "Bingo" schreien und nach Hause gehen. Die Instruktion ist nicht als Steinbruch gedacht, wo du das rausbrichst, was dir gefällt, und der Rest wird stillschweigend unter dem Tisch fallen gelassen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich kann diese Erfahrungen "aus der Praxis" nicht bestätigen – die Unausssprechliche übrigens auch nicht. Der gesamtdeutschen Statistik zufolge sind so ziemlich genau die Hälfte der Meßdiener weiblich. Hier(TM) sind es am einen Ort knapp ein Viertel, am anderen ebenfalls die Hälfte.

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