Donnerstag, 28. Januar 2010

Verschleiert – unverschleiert

Die heilige Perpetua war wegen ihres christlichen Glaubens zum Tode verurteilt woren und sollte im Zírkus vor den Augen der Volksmenge den wilden Tieren vorgeworfen werden. Als sie die Kampfbahn betrat, wurde sie zuerst von einer wilden Kuh angegriffen und mit den Hörnern zur Seite geschleudert. Bei dem Sturz riß ihr Kleid auf. Da zog sie zuerst ihr Kleid zurecht, um ihre Blöße zu verhüllen, denn sie dachte mehr an ihre Ehrbarkeit als an ihren Schmerz.

Mit diesem beeindruckenden Absatz beginnt im grünen Katechismus das Kapitel über Schamhaftigkeit und Keuschheit.

Die Franzosen streiten über einen Gesetzesentwurf zum Tragen der Burkha in der Öffentlichkeit und wählt dabei teils drastische Worte. So bezeichnete der Bürgermeister von Vénissieux, den Vollschleier als "ambulantes Gefängnis".

Letztendlich sind diejenigen, die Frauen die Verschleierung verbieten wollen, genau das, was sie den Frauen zu sein vorwerfen – selbstgerechte, radikale Eiferer.

Die Sinnhaftigkeit, nach der man offenbar glaubt, ein gewisses Maß an Unbekleidetheit – oder was diejenige als solche empfindet – verlangen zu können, entgeht mir leider.

Ich störe mich nicht an Schleiern, Tüchern und Mänteln, ihre Trägerinnen beleidigen wenigstens das Auge nicht. (Von der Logik her eher etwas suspekt sind mir Frauen, die knallenge Kleidung, die ihre Trägerin dem Michelinmännchen gleichen läßt, mit einem Glitzer„türban“ krönen. Soll das keusch wirken? Vielleicht ist das aber auch eine ironische Geste der jeweiligen Trägerin.)

Man kann meines Erachtens anderen nicht vorschreiben, wie ver- bzw. enthüllt sie an die Öffentlichkeit zu gehen haben und was sie für sich selbst für schicklich erachten sollen. Ob ich einen Schleier oder meinethalben im Schwimmbad einen Modest bathingsuit oder einen Burkini trage, sollte ausschließlich meine Angelegenheit sein.[1]

Was kommt als nächstes – schreibt man den Mennonitinnen die Höhe ihrer Rocksäume vor? Nein, naheliegender: man zielt wahrscheinlich in absehbarer Zeit darauf hin, jegliche aus religiösen Gründen getragene Kleidung – als da wären etwa Schleier, Kopftuch, Kippa, Diakonissenhaube oder Prayer cap – oder auch Symbole, die denjenigen als Angehörigen einer Religion ausweisen, in der Öffentlichkeit zu verbieten. Das endlich wäre die wahrhafte Radikalisierung der – die einer Art 1984 in traurigen grauen Einheitstrainingsanzügen. [2]

Das Tragen eines Schleiers hat im Abend- wie im Morgenland alte Tradition: So war der Schleier das altrömische Zeichen der endgültigen Bindung einer Frau durch Ehe oder Gelübde, Zeichen, dass sie ihrem Mann oder Bräutigam treu und keusch angehörte. Zugleich hatte er auch die Bedeutung des Schutzes und der Abwehr.

Beim obigen Vorstoß geht es zwar um Schleier anderer Symbolik und einer anderen Religion. Man sollte aber hier, in Anlehnung an ein berühmtes Wort Martin Niemöllers nicht schweigen. Wer sich verschleiern möchte, sollte dies tun dürfen. Wer dies verbieten lassen möchte, greift in die freiheitlichen Grundrechte anderer ein.

[1] und ebenso, ganz nebenbei bemerkt, ob ich mich am Flughafen in einen sogenannten Nacktscanner stelle oder doch lieber die Personenkontrolle durch eine Person des gleichen Geschlechts bevorzuge. Auch wenn der Scanner eine virtuelle Projektion der Körperformen zeigt, halte ich das Teil für entwürdigend und die guten Sitten verletzend.
[2] Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten.

Kommentare:

Florian hat gesagt…

Ich denke aber, dass man das eingrenzen sollte. So denke ich zB, dass es einem Lehrer nicht zugemutet werden kann, ein Mädchen, das er bloß durch minimale Sehschlitze oder auch gar nicht erkennen kann, zu unterrichten.

Erstens kann da weiß Gott wer unter der Burka sitzen, salopp gesagt.

Zweitens gehört doch das Gesicht zur Identität des Menschen, und ohne eine persönliche Beziehung zum anderen Individuum kann man wohl sehr schwer eine objektive Beurteilung fällen.

Wie gesagt, das betrifft jetzt nur das Gebiet Schule. Aber mir kommt es doch sehr suspekt vor, wenn ich mein Gegenüber nur anhand einiger Quadratmeter Stoff erkenne.

Braut des Lammes hat gesagt…

Florian: mit der Schule hast Du natürlich recht. Auch sind Paßbllder wie dieses http://www.gutefrage.net/media/fragen-antworten/bilder/7083936/0_big.jpg natürlich ein Unding.

Ich hatte den Artikel zwischendurch wieder ins Entwurfsstadium gesetzt, da ich zwei Aspekte der Verschleierung miteinander verquickt hatte, was ich letztlich als zu unvermittelt empfand. Der christliche Schleier ist allemal einen eigenen Blogbeitrag wert, den schreibe ich grad noch.

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