Donnerstag, 19. November 2009

Tragt Schleier und Ring als Zeichen

Im Gespräch mit Mitschwestern ist eine Variation des uralten Themas „Was zieh ich an?" naturgemäß manchmal ein Gespräch über den Schleier. Da geweihte Jungfrauen in sehr unterschiedlichen Umständen und Umfeldern, in katholischen Ländern wie in nicht-christlichen leben, ist auch die äußere Gestaltung dieser Lebensform höchst individuell und darf es explizit auch sein. Eigene Beobachtungen und Gespräche im vergangenen Jahr haben gezeigt, daß dies auch für den Schleier, sein Aussehen bzw. das Tragen desselben gilt.

Es gibt Virgines, die auf die Überreichung des Schleiers bei der Weihe verzichtet haben, solche, die ihn zu bestimmten Anlässen tragen und solche, die ihn – zuweilen auch zusammen mit der aus altkirchlichen Zeiten überlieferten „ärmlichen Tunika" – anscheinend immer aufhaben. Wie sich das Tragen bei bestimmten Anlässen gestaltet, ist offenbar auch wieder unterschiedlich: in einigen Ländern haben Jungfrauen beim Gottesdienst eigene Plätze und sind an Schleier und weißem Mantel äußerlich kenntlich. Andere Jungfrauen wiederum tragen ihren Schleier beim Stundengebet, wenn sie es allein vollziehen, wieder andere tragen ihn auch zum Gottesdienst und bei „frommen Übungen" wie etwa zu Prozessionen.

Etwas erstaunt hat mich dazu eine Äußerung in den letzten Tagen, derzufolge diejenige den Schleier quasi als eine Art liturgisches Kleidungsstück sieht und demzufolge auch nur für die Dauer der Liturgie tragen würde. Daraus ergab sich die Erwägung so staatstragender Fragen wie „Muß der Schleier zwingend weiß sein oder ginge auch ein schwarzer?*" und „Kann man im Schleier U-Bahn fahren"? Meine Antwort: warum eigentlich nicht? Nicht nur die Vorstellung, mir in der Vorhalle der Kirche ggf. noch schnell das Haar so aufzustecken, daß es auch wirklich oben bleibt – gar nicht so einfach – und den Schleier aufzusetzen, widerstrebt mir, sondern auch die geäußerte Meinung, der Schleier wäre quasi mit Talar und Chorhemd zu vergleichen. Stimmt, in Talar und Chorhemd würde ich nicht U-Bahn fahren (allerdings ziehe ich sie auch nicht in der Vorhalle an). Daß wir einmal in dieser Kluft im Parkhaus herumgerannt sind, ist eine andere Geschichte und von Zelatus schon erzählt worden).

* meines unmaßgeblichen Erachtens: nein. Ich räume aber gern ein, daß es sich hierbei um eine reine Antwort aus dem Bauch handelt, der bisher eine wirklich stichhaltige Begründung fehlt. Wohl ist der Schleier bräutliches Zeichen, allerdings ist das auch der schwarze einer Ordensschwester mit ewiger Profeß. Ideas, anyone?


Historisch stammt der Schleier aus altrömischer Zeit und symbolisierte die endgültige Bindung einer Frau durch Ehe oder Gelübde, ein Zeichen, daß sie ihrem Mann oder Bräutigam treu und keusch angehörte. Die Schleierübergabe der Alten Kirche hing mit der Öffentlichkeit des Gelübdes und der Aufnahme in einen Stand zusammen, der für die Virgo eine Eheschließung verhinderte. Dem Pontificale Romano-Germanicum zufolge wurde der Schleier auch als Symbol für den Schutz Gottes gesehen.

Aus ungeklärten Gründen ist es im 1970 wiederhergestellten Ritus möglich, auf die Überreichung des Schleiers bei der Weihe zu verzichten. Marianne Schlosser bemerkt hierzu in ihrem Exkurs zum Zeichen des Schleiers:
Die Überreichung des Schleiers – und noch mehr das Tragen desselben – könnte verschiedene Fragen aufwerfen. Ist dieses Zeichen für den heutigen Menschen noch sinngefüllt, oder gibt es eher zu Mißverständnissen Anlass? Ist es sinnvoll, ein Zeichen zu übergeben, das im späteren Leben evtl. gar nicht verwendet bzw. getragen wird? Wie steht es mit der späteren Verwendung überhaupt? Wie sollte so ein Schleier aussehen, damit er auch zu einem zivilen Kleid getragen werden kann und nicht sonderbar wirkt? Man muss hier m. E. grundsätzliche Bedenken von praktischen Fragen unterscheiden.
Festzuhalten ist zunächst, daß die liturgische Ordnung die Überreichung des Schleiers primo loco vorsieht (OCV n.25) und auch von den meisten Autoren ohne jedes Bedenken diese Überreichung vorausgesetzt wird. Jedoch folgt in den Rubriken eine Alternative (n.26): „Wenn kein Schleier übergeben wird...", spricht der Bischof sofort die Formel für den Ring. Eine Begründung für das Unterlassen erfolgt in den Rubriken hier nicht. Es wird nicht auf die lokale Gewohnheit verwiesen, wie bei der Festlegung des Ortes für die Feier, dem Brauch der Prostration oder der Geste der Handlegung.

Jedenfalls kann man mit Fug und Recht darüber zumindest erstaunt sein, daß das älteste Zeichen, welches dem Ritus lange Zeit den Namen gab: „velatio virginum", ohne nähere Begründung der Beliebigkeit anheimgestellt wird.
Besonders deutlich erscheint der Zusammenhang zwischen der Bindung an Christus und an die Kirche in der Übergabe von Ring und Schleier. Der Ring ist unmittelbar verständliches Zeichen für die Bindung an Christus unter dem Gesichtspunkt der desponsatio, der Schleier für die Bindung an ihn und an die Kirche unter der Hinsicht des „servitium", Zeichen, daß die „Braut" immer auch „Magd“ ist. Das dazu gesprochene Deutewort enthält, wie A. Nocent es ausdrückt, die Theologie des ganzen Ritus in nuce: „Empfangt, liebe Töchter, Schleier und Ring, die Zeichen Eurer Weihe an Gott. Bewahrt Eurem Bräutigam unverbrüchlich die Treue und vergeßt nicht, daß ihr in Dienst genommen seid für Christus und seinen Leib, welcher die Kirche ist" (übers. nach OCV 25). Das gilt auch für die Alternativ-Formel, in der Ring und Schleier getrennt übergeben werden: „Empfange den Ring der heiligen Vermählung mit Christus, bewahre deinem Bräutigam die Treue unversehrt, damit du zur Hochzeit in der ewigen Freude gelangst" (nach OCV 152). „Empfange den Schleier, denn man soll erkennen, daß du zum Dienst Christi bestimmt bist und zum Dienst an seinem Leib, der die Kirche ist" (nach OCV 151).

Seitdem der Ring die Funktion des Treuezeichens übernimmt; ist die „Velatio" Sinnbild des Gott-geweiht-Seins (consecrata, dicata) - ähnlich wie der Habit einer Ordensfrau „signum consecrationis" ist (PC 17, c. 669 § 1) - und zwar, wie sich aus dem Deutewort ergibt, unter der Hinsicht des In-Dienst-genommen-Seins.

Und darum geht es eigentlich bzw. daher kommt das Widerstreben: der Schleier ist kein liturgisches Kleidungsstück und auch nicht damit verwandt. In der Tat ist der Schleier, zu dem in manchen Zeiten bei der Feier der Weihe auch noch die Krone kam – eine Insigne, ein Standeszeichen dessen, was wir sind und wofür wir leben: wir sind in Dienst genommen von Christus und der Kirche.

Neben allem anderen käme ich mir, offen gestanden, auch komisch vor, bei derart vielen (fast ausschließlich nicht-christlichen) Schleiern um mich rum, den meinen in der Vorhalle aus dem Rucksack zu ziehen und direkt nach dem Gottesdienst wieder darin verschwinden zu lassen.

M. Schlosser merkt an anderer Stelle an:
Keineswegs muß also die Schleierübergabe an sich und notwendig die Assoziation der Zugehörigkeit zu einem Orden hervorrufen. Freilich ist nicht mehr im Bewußtsein, daß die Ordensfrauen den Schleier von den Virgines der Alten Kirche übernommen haben – und daher die heute lebenden Virgines keineswegs ein Zeichen des Ordenslebens für sich reklamieren. So kann es eine gewisse Zeit dauern, bis gewohnte Gedankenbahnen Ungewohntes einlassen: Der Schleier für eine Frau, die keine Ordensfrau ist, aber so lebt, die nicht in einen Orden als Gemeinschaft eintritt, wohl aber in einen „Ordo" der Kirche, manifestiert das noch Ungewohnte eines solchen Lebens, das erst ins Verständnis Eingang finden muß.
So „brautig" wie in dem obigen Bild sieht mein Schleier übrigens nicht aus, aber wie auch immer, falls man nicht das Leben in der Verborgenheit gewählt hat – warum sollte man nicht zum Ausdruck bringen, was einen im wesentlichen und Innersten ausmacht? Der Geliebte ist mein und ich bin sein. (Hohelied 2,16)

Kommentare:

Sponsa Agni hat gesagt…

OK, ich persönlich würde ihn nicht im Voraum aufziehen und danach so direkt wieder runter - was ich meistens mache ist Folgendes:
Wenn ich in die Kirche gehen will, stecke ich den Schleier. Und wenn ich dann wieder da bin, nehme ich ihn ab.
Im Alltag (in der Firma etc.) würde ich den Schleier - ganz persönlich gesprochen - nicht tragen - ich bin doch keine Ordensfrau, für die man mich in diesem Falle unwillkürlich halten würde!
Aber da muss jede Virgo ihren eigenen Weg finden... damit beschäftigt man sich ja auch vor der Weihe.

Sponsa Agni hat gesagt…

Wann genau trägst Du ihn denn? Jetzt auch, wenn Du ministrierst? Vom "Nightfever" hast Du es ja schon mal erzählt...
Hast Du ihn von Anfang an getragen oder erst "später" im "öffentlichen" Bereich? Oder nur zum Breviergebet?
:-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich mache es im Prinzip so wie Du es beschrieben hast: wenn ich zu einem Gottesdienst oder zur Anbetung will, setze ich ihn auf und nehme ihn später zu Hause wieder ab. Zum Ministrieren trage ich ihn schon deshalb nicht, weil bei uns Chorkleidung üblich ist. Dazu paßt der Schleier meines Erachtens nicht.

In meinem beruflichen Umfeld kann man zwar anscheinend so ziemlich alles tragen, jedoch würde der Schleier diesem Umfeld mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Sicherlich gibt es jedoch Berufe oder Apostolate, wo das Tragen des Schleiers gut möglich oder sogar angezeigt ist.

Falls das im Beitrag nicht klar genug herausgekommen sein sollte: natürlich kann und soll jede es handhaben, wie sie möchte. Ich habe versucht, meine Sicht der Dinge darzulegen.

Sponsa Agni hat gesagt…

Ach, beim Betrachten der Bilder, die Du da eingestellt hast, habe ich eben beschlossen, dass ich doch mal schauen muss, ob ich nicht eine schöne weiße Spitze finde... *schmacht*
Das gibt einen Festtagsschleier!

Braut des Lammes hat gesagt…

Hihi, Q.E.D. ;)

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