Dienstag, 24. November 2009

Nun danket alle Gott


Gabrielle ließ ihre Vergangenheit im Geiste an sich vorüberziehen. Sie dachte an ihre Kindheit, an die Köchin Françoise, die nie Brot angeschnitten hatte, ohne zuerst mit dem Messer über den großen runden Laib das Kreuzzeichen zu machen. Das Kind, das diesen Ritus des Brotschneides mit anschaute, pflegte jeden Tag mit der Köchin in die Frühmesse zu gehen, nicht, weil es etwas von der Bedeutung der Messe verstand, sondern, weil es alles so wunderbar und geheimnisvoll fand: die Kerzen, den Gesang vor Sonnenaufgang und den Anblick so vieler Erwachsener, die kein Frühstick zu sich nahmen, ehe nicht eine kleine weiße Oblate auf hre Zunge gelegt worden war. … Welch altmodische, fromme Kindheit, dachte sie. Gott schien zur Familie zu gehören. und das ist es auch vor allem. weshalb ich hier bin. Ich lernte, Ihn zu lieben, als ich noch ganz klein war. (Kathryn Hulme, Geschichte einer Nonne)
„Ich bin nichts, und meine Kinder sind auch nichts!“ – Dieser Einwurf einer hinzukommenden Kollegin fiel anläßlich eines kurzen Austauschs in der Teeküche mit einer anderen Kollegin (Muslima, in Tunesien an einer katholischen Schule erzogen) über Buß- und Bettag, die Haddsch und ähnliches.

Die Einwerferin selbst ist anscheinend evangelisch (so ganz sicher war sie sich dabei aber auch schon nicht). Ihre Kinder hat sie nicht taufen lassen (das alte Lied – später könnten sie sich ja immer noch dafür entscheiden). Ich mußte an Boys' Town denken (Mickey Rooney kommt an eine katholische Schule, die von Pater Flanaghan alias Spencer Tracy geleitet wird. Auf die Einführung beim Tischgebet, an der Schule wären auch Protestanten und Juden und jeder könne auf seine Weise zu Gott beten, verkündet er: „Ich bin gar nichts!“) und war versucht, wie Rooneys Gegenüber im Film zu erwidern: „Du kannst ruhig weiter nichts sein, das macht uns nichts aus“, wurde aber dann doch etwas traurig:

Eine solch altmodische, fromme Kindheit hatte ich auch. In unserer pietistischen Gegend mit Kinderkirche, Sonntagsschule und später wöchentlicher Christenlehre. Erntedank, Adventssternbasteln im Pfarrhaus, Krippenspiele. Zur Konfirmation war es Brauch, daß die Konfirmanden die Tannengirlanden und die roten und weißen Papierrosen für die Kirche selbst banden (die Jungen waren fürs Birkenschlagen und -aufstellen zuständig) und die Kirche festlich schmückten. Im Handarbeitsunterricht sangen die Mädchen fromme Lieder, in den Unterrichtspausen trafen sich die, die wollten, zum Schülergebetskreis. Eingeschult wurde ich auf einer Zwergschule. Der Dorfschullehrer pflegte vor jeder Stunde beten zu lassen, am Beginn eines Unterrichtstages sangen wir Jesu, geh voran.

Starb einer, kam das ganze Dorf zur Aufbahrung, zur Totenwache und zum Begräbnis. Eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen ist, als es einmal nachts auf einem Gehöft brannte. In solchen Fällen kamen wiederum die Dörfler zum Brandort und halfen, die Tiere aus dem Stall zu führen, Mobiliar und Hausrat ins Freie zu tragen, um sie vor dem Brand zu retten. Wie durch ein Wunder drehte sich bei diesem Feuer der Wind, weshalb das Haupthaus nicht von den Flammen erfaßt wurde. Angesichts dessen sang die Dorfgemeinschaft „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen!"

Jedenfalls war dies – neben dem Gebet für eine Erziehung der Kinder im christlichen Glauben – ein weiteres Mal Anlaß dafür, Gott für die vielen Gnaden zu danken, die er mir im Leben erwiesen hat. Oft denke ich daran, wenn die Gemeinde das Lobet den Herren singt oder der Priester den ersten Satz der Präfation spricht:

In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken durch unseren Herrn Jesus Christus.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Ach, Du warst mal evangelisch?

Alipius hat gesagt…

Hach (** seufz **), schöne Erinnerungen! Eine meiner Großtanten ritzte auch immer mit der Messerspitze ein Kreuz in den Brotlaib, bevor sie anschnitt.

Braut des Lammes hat gesagt…

@Stanislaus. Ja – macht mich das jetzt zur Unberührbaren? ;)
Nächstes Jahr gibt es ein rundes Konversionsdatum, ich dachte mir, ich mach dazu eine Kuchenschlacht: X Jahre katholisch.

Braut des Lammes hat gesagt…

@Alipius: Ja, das ist wirklich ein schöner Brauch, den ich dann später bei mir auch eingeführt habe…

ultramontan hat gesagt…

Nee, das macht dich nicht zu einer Unberührbaren. Aber wahrscheinlich geht es Alipio wie mir, dass wir Schon-immer-Katholen stets bewundernd (und ein bisschen neugierig) auf diejenigen schauen, die ihren Weg zur Einen und Heiligen von außen nehmen mussten. Ich weiß nicht, ob ich das geschafft hätte, wenn ich nicht in einer katholischen Familie aufgewachsen wäre.

Elsa hat gesagt…

Noch eine! Was bin ich froh! Ach erzähl uns doch ein bisschen was über deine Konversion, wenn es dir nichts ausmacht und nicht allzu indezent von mir ist. Bei mir sind es erst zwei Jahre und ich habe noch so viel zu lernen ... Aber ich hatte nie den Eindruck, ich sei eine Unberührbare oder irgendwie weniger wert. Das darfst du auch nicht von dir denken. Ich bin immer mit sehr viel Liebe und auch Nachsicht, wenn sie dringend nötig war *gg* - was bei mir öfter der Fall ist - bedacht worden. Wenn du nichts dazu sagen möchtest, wollte ich dich freilich auch in keiner Weise bedrängen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Man beachte das Smiley hinter der "Unberührbaren". Nein, so habe ich mich eigentlich nur einziges Mal latent gefühlt, als eine ältere Ordensfrau ernsthaft die Frage aufwarf, ob man mich nicht taufen müßte (again!). Ansonsten konnte sich sogar der evangelischer Gemeindepfarrer für meinen Übertritt begeistern und hat mir, als ich längst von zu Hause weggezogen war, noch Briefe geschrieben.

Gern schreibe ich gelegentlich auch etwas über die Konversion.

Anonym hat gesagt…

Inge Lütt

Das Brot segnen? Aber selbstverständlich!
Das habe ich bei meiner (katholischen) Mutter abgeschaut und das mache ich auch als 50-Jährige noch immer so, wie ich es von ihr gelernt habe: Nämlich mit der Kante des Daumens. Und nicht mit der Klinge.

"Mit dem Messer macht man keinen Segen", sagt meine Mutter heute noch. Recht hat sie, sage ich.

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