Samstag, 31. Oktober 2009

Allerheiligen


Es ist ein Bild von strahlender Schönheit, an der nichts dekorativ ist, sondern alles zur vollkommenen Harmonie der Heiligen Stadt beiträgt. Der Seher Johannes schreibt, daß sie »von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes« (Offb 21,10–11). Aber die Herrlichkeit Gottes ist die Liebe; deshalb ist das himmlische Jerusalem Bild der Kirche, ganz heilig und herrlich, ohne Flecken und Falten (vgl. Eph 5,27), die in ihrer Mitte und in allen ihren Teilen von der Gegenwart Gottes, der die Liebe ist, erstrahlt. Sie wird »Braut« genannt, »Braut des Lammes« (Apg 21,9), weil sich in ihr das Bild vom Hochzeitsmahl erfüllt, das von Anfang bis Ende die biblische Offenbarung durchzieht. Die Stadt als Braut ist Heimat der vollen Gemeinschaft Gottes mit den Menschen; in ihr braucht man keinen Tempel noch eine äußere Lichtquelle, weil die Gegenwart Gottes und des Lammes ihr innewohnt und sie von innen her erleuchtet.

Dieses wunderbare Bild hat eine eschatologische Bedeutung: Es drückt das Geheimnis der Schönheit aus, die schon jetzt die Gestalt der Kirche ausmacht, auch wenn sie noch nicht zu ihrer Fülle gelangt ist. Sie ist das Ziel unserer Pilgerschaft, die Heimat die uns erwartet und nach der wir uns verzehren. Sie mit den Augen des Glaubens zu sehen, zu betrachten und zu ersehnen darf nicht Grund für eine Flucht aus der geschichtlichen Wirklichkeit sein, in der die Kirche lebt und Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der heutigen Menschheit, besonders der Ärmsten und Bedürftigsten teilt (vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution Gaudium et spes, 1). Wenn die Schönheit des himmlischen Jerusalem die Herrlichkeit Gottes, also seine Liebe, ist, dann können wir uns ihr nur in der Liebe nähern und in einem bestimmten Maß bereits in ihr leben. Wer den Herrn Jesus liebt und sein Wort befolgt, erfährt schon in dieser Welt die geheimnisvolle Gegenwart des dreieinigen Gottes, wie wir im Evangelium gehört haben: »Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen« (Joh 14,23). Jeder Christ ist deshalb gerufen, lebendiger Stein dieser wunderbaren »Wohnung Gottes unter den Menschen« zu werden. Was für eine großartige Berufung!

Eine Kirche, die ganz von der Liebe Christi, des aus Liebe geopferten Lammes, beseelt und bewegt ist, ist das historische Bild des himmlischen Jerusalem, Vorwegnahme der Heiligen Stadt, die von der Herrlichkeit Gottes erstrahlt. Sie strömt eine unwiderstehliche missionarische Kraft aus, die die Kraft der Heiligkeit ist.

(aus einer Predigt Papst Benedikts XVI. auf dem Vorplatz des Nationalheiligtums in Aparecida am 4. Sonntag der Osterzeit 2007)

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